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Europas Tech-Riesen entpuppen sich als unerwartete KI-Gewinner

SAP, Capgemini und Co. profitieren vom KI-Boom – nicht als Modellentwickler, sondern als unverzichtbare Integratoren.

Europas Tech-Riesen entpuppen sich als unerwartete KI-Gewinner

Der KI-Boom sollte vor allem den neuen Unternehmen zugutekommen, die die Modelle entwickeln. Doch jüngste Quartalsergebnisse zeichnen ein anderes Bild: Europas etablierte Technologiekonzerne erweisen sich als überraschende Profiteure der KI-Welle. SAP, Capgemini, Sopra Steria und OVHcloud berichten allesamt von stärkerer Nachfrage, schnellerem Wachstum oder angehobenen Prognosen.

Der Grund liegt in einem grundlegenden Wandel: Unternehmen gehen dazu über, künstliche Intelligenz nicht mehr nur zu erproben, sondern in ihren gesamten Betriebsabläufen einzusetzen. Dabei stellt sich heraus, dass es weitaus schwieriger ist, KI innerhalb einer komplexen Organisation produktiv zu machen, als lediglich Zugang zur Technologie zu erhalten.

Komplexität als Wettbewerbsvorteil

Die meisten großen Organisationen fangen technologisch nicht bei Null an. KI-Systeme müssen mit über Jahrzehnte gewachsener Software, fragmentierten Datenbanken, maßgeschneiderten Anwendungen und zunehmend komplexen Governance-Anforderungen funktionieren. Zudem müssen sie auf Live-Unternehmensinformationen zugreifen, dabei Berechtigungen respektieren, Prüfpfade wahren und sich in bestehende Arbeitsabläufe einfügen.

Diese Komplexität entwickelt sich zu einem der größten Hindernisse für die KI-Einführung. Die Boston Consulting Group warnt, dass die Implementierung schneller voranschreite als die Fähigkeit der Unternehmen, diese zu steuern. Mehr als 70 Prozent der Investoren äußerten sich besorgt darüber, ob Organisationen über die notwendigen technischen und operativen Kapazitäten verfügen, um mit KI erfolgreich zu sein.

Genau hier kommen die etablierten europäischen Software-, Beratungs- und Infrastrukturgruppen ins Spiel. Viele von ihnen haben ihr Geschäft darauf aufgebaut, großen Organisationen bei der Integration komplexer Technologien zu helfen – lange bevor generative KI aufkam. „KI-Anwendungen sind das Schlachtfeld, und dort wird der meiste Wert geschaffen", schrieb die UBS in einer aktuellen Mitteilung.

Starke Zahlen bei SAP, Capgemini und Sopra Steria

Die Quartalszahlen untermauern diesen Trend eindrucksvoll. Der Cloud-Auftragsbestand von SAP stieg währungsbereinigt um 26 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro. Unternehmen verlagern weiterhin kritische Systeme für Finanzen, Beschaffung, Lieferkette und Personalwesen auf SAP-Plattformen, die zunehmend als Grundlage für den KI-Einsatz dienen. Die Übernahmen des Datenspezialisten Dremio und des KI-Unternehmens Prior Labs unterstreichen die wachsende Bedeutung, Unternehmensdaten für KI-Anwendungen zugänglich zu machen.

Capgemini hob sein jährliches Wachstumsziel an, nachdem die Buchungen um 9,2 Prozent gestiegen waren. Sopra Steria setzte seine Prognose nach einer Beschleunigung des organischen Wachstums auf 5,3 Prozent herauf. Beide in Paris börsennotierten Unternehmen profitieren von der Arbeit, die auf die KI-Einführung folgt: die Integration von Modellen in Arbeitsabläufe, die Datenverwaltung und der Aufbau von Governance-Systemen.

Datensouveränität als zweiter Wachstumstreiber

Ein zweiter Trend stärkt die Position der etablierten europäischen Akteure: die wachsende Nachfrage nach größerer Kontrolle über den KI-Einsatz. Kunden möchten zunehmend fortschrittliche KI-Modelle in Umgebungen betreiben, in denen sie die Kontrolle über ihre Technologie und ihre Daten behalten, wie Publicis-Chef Arthur Sadoun erklärte.

Diese Präferenz ist in den Bereichen Verteidigung, Luft- und Raumfahrt sowie kritische Infrastruktur am stärksten ausgeprägt, wo Bedenken hinsichtlich Souveränität, Sicherheit und Compliance besonders akut sind. Airbus etwa hat entschieden, für sensible Industrie- und Verteidigungsanwendungen Scaleway – eine Tochter des französischen Telekommunikationskonzerns Iliad – zusammen mit Mistral-KI-Tools zu nutzen. Bis Ende 2028 sollen rund 70 kritische Anwendungen auf Scaleway laufen.

Davon profitiert auch OVHcloud: Der Umsatz im Bereich Public Cloud stieg im dritten Quartal um 20,2 Prozent. Dies ist ein früher Beleg dafür, dass sich die Nachfrage nach europäisch kontrollierter KI-Infrastruktur – die keinen extraterritorialen Gesetzen wie dem US Cloud Act unterliegt – allmählich in kommerzielles Wachstum niederschlägt.

Die etablierten europäischen Technologieunternehmen müssen noch beweisen, dass die KI-getriebene Nachfrage nachhaltig ist und dass die Margen der Automatisierung von weniger wertschöpfenden Tätigkeiten standhalten können. Die jüngsten Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die größten Profiteure von KI nicht nur die Entwickler der Modelle sein werden – sondern zunehmend jene Unternehmen, die diese Modelle innerhalb der weltweit größten Organisationen nutzbar machen.

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