Europas Lkw-Fahrermangel: Polen kämpft um seine Trucker
Polnische Lkw-Fahrer sind schwer zu halten – der Mangel bedroht Lieferketten und treibt Frachtkosten in die Höhe.

Der europäische Straßentransport steckt in einer tiefen Personalkrise. Die Zahl der unbesetzten Stellen für Lkw-Fahrer in der EU hat sich innerhalb von nur zwei Jahren mehr als verdoppelt. Laut einer Ende Juni veröffentlichten Umfrage der International Road Transport Union (IRU) wird die Zahl der Vakanzen im Jahr 2025 die Marke von 502.000 erreichen – das entspricht rund 13 Prozent der von der Branche benötigten Arbeitskräfte.
Besonders dramatisch ist die Lage in Polen, das seit seinem EU-Beitritt im Jahr 2004 die größte Lkw-Flotte der Union aufgebaut hat. Polnische Unternehmen wickeln laut Europäischer Kommission etwa 20 Prozent des gesamten Straßengüterverkehrs in der EU ab. Der Straßentransport ist damit ein echter Eckpfeiler der polnischen Wirtschaft – doch das Fundament bröckelt.
Gehälter steigen, Fahrer bleiben trotzdem rar
Der polnische Straßengüterverkehrsbetreiber Extrego erhöhte im Juni die Gehälter seiner 150 Fahrer um rund 15 Prozent, um bestehendes Personal zu binden und neue Mitarbeiter zu gewinnen. Dennoch arbeitet das Unternehmen in diesem Sommer mit einem Mangel von etwa 20 Fahrern. Polen verzeichnet zudem eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der gesamten EU, was die Rekrutierung zusätzlich erschwert.
„Polnische Fahrer werden alt, und die junge Generation ist einfach nicht bereit, diesen Job zu machen, weil sie glauben, dass sie einfachere Wege finden können, Geld zu verdienen, ohne Wochen im Ausland auf der Straße verbringen zu müssen", sagte Wojciech Brzykowski, CEO von Extrego. Die Aussage trifft den Kern des Problems: Es ist nicht allein eine Frage des Lohns, sondern auch der Lebensqualität und Attraktivität des Berufsbilds.
Rentenabgänge verschärfen die Lage bis 2030
Der Mangel dürfte sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Bis 2030 werden voraussichtlich 660.500 Lkw-Fahrer – das entspricht jedem fünften – aus dem Berufsleben ausscheiden, da eine ganze Generation von Fernfahrern das Rentenalter erreicht. Besonders betroffen sind Mittel- und Osteuropa, wo Frachtunternehmen nach dem EU-Beitritt ihrer Länder vor rund zwei Jahrzehnten stark gewachsen waren. Die EU-Mitgliedschaft hatte damals Fördermittel in Milliardenhöhe für neue Autobahnen freigesetzt, während niedrigere Betriebskosten und günstigere Arbeitskräfte den Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegenüber westeuropäischen Konkurrenten verschafften.
Etwa zwei Drittel der europäischen Frachtunternehmen bezeichnen den Fahrermangel mittlerweile als ihre größte Sorge. Ein ähnlicher Anteil gibt laut IRU an, Aufträge abgelehnt zu haben, weil nicht genügend Personal rekrutiert werden konnte. Der Fahrermangel droht die Frachtkosten zu erhöhen und Lieferzeiten zu verlängern – in einem Umfeld, das durch internationale Handelskonflikte und Kriege ohnehin bereits belastet ist.
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Zur AktienanalyseSicherheitsrisiken und Regulierung schrecken ab
Neben der demografischen Herausforderung spielen auch Sicherheitsbedenken eine wachsende Rolle. Eine Studie der Europäischen Kommission aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 79 Prozent der Fahrer angaben, während einer Parkpause einer Sicherheitsbedrohung ausgesetzt gewesen zu sein. Zudem berichteten 85 Prozent der Transportunternehmen von Diebstahl. Wachsende Regulierung und zunehmende Grenzkontrollen tragen ebenfalls zur Unzufriedenheit der Fahrer bei.
Die naheliegende Lösung, mehr Frauen für den Beruf zu gewinnen, erweist sich als schwierig. Aktuell machen Fahrerinnen lediglich 4 Prozent der europäischen Lkw-Fahrer aus. Angesichts der zunehmenden Sicherheitsrisiken auf Rastplätzen und der langen Abwesenheiten von zu Hause bleibt die Rekrutierung von Frauen eine komplexe Aufgabe. Eine einfache Lösung für die strukturelle Krise im europäischen Straßentransport ist derzeit nicht in Sicht.


