Europäische Fluggesellschaften drohen im Winter massive Kapazitätskürzungen
Steigende Kerosinpreise und auslaufende Absicherungsgeschäfte erhöhen den Druck auf Airlines erheblich – besonders im Winterhalbjahr.

Europäische Fluggesellschaften stehen laut einer Analyse des Investmenthauses Bernstein vor wachsendem Druck, ihre Kapazitäten im Winter zu kürzen. Obwohl die Airlines bislang „zurückhaltender" als erwartet auf die gestiegenen Kerosinpreise reagiert haben, halten die Analysten das Risiko von Kapazitätskürzungen keineswegs für gebannt. Seit Kriegsbeginn sind die Treibstoffpreise um rund 70 Prozent gestiegen – ein enormer Kostenfaktor für die gesamte Branche.
Bernstein nennt zwei zentrale Gründe für den erwarteten Druck im Winterhalbjahr: niedrigere Basis-Deckungsbeiträge sowie das schrittweise Auslaufen günstigerer Absicherungsgeschäfte, sogenannter Hedges. Beide Faktoren zusammen könnten dazu führen, dass Winterflüge für viele Airlines schlicht unwirtschaftlich werden.
Saisonalität trifft auf Kostendruck
Das Geschäftsmodell von Fluggesellschaften ist stark saisonabhängig. „Die Rentabilität von Fluggesellschaften ist stark saisonabhängig, wobei die höhere Nachfrage im Sommer die Stückerlöse in die Höhe treibt, ohne dass die Stückkosten entsprechend steigen", erklärten die Bernstein-Analysten. Im Sommer können höhere Ticketpreise die gestiegenen Treibstoffkosten zumindest teilweise kompensieren – im Winter hingegen fehlt diese Nachfragedynamik weitgehend.
Die Folge: Während Sommerflüge trotz gesunkener Margen noch rentabel sein können, könnten Winterflüge laut Bernstein „insgesamt unwirtschaftlich" werden. Die höhere Auslastung der Flugzeuge im Sommer trägt zwar zur Kosteneffizienz bei, doch dieser Vorteil entfällt in der schwächeren Wintersaison nahezu vollständig.
Hinzu kommt das Problem der auslaufenden Treibstoffabsicherungen. Europäische Fluggesellschaften sichern ihre Kerosinkosten typischerweise über einen Zeitraum von 18 Monaten ab. Die vor dem Krieg abgeschlossenen, noch günstigen Hedges laufen nun schrittweise aus. „Wir bestreiten die Logik, dass Treibstoff durch Hedging billiger ist (das Derivat ist separat zu betrachten; der Treibstoff selbst kostet den Spotpreis), aber Absicherungen bieten den Fluggesellschaften vorerst ein Polster für strategische (sprich: unrentable) Flüge", so die Analysten. Dieses Polster werde bis zum Winter jedoch deutlich schrumpfen.
Kurzstrecke besonders gefährdet
Besonders betroffen von möglichen Kapazitätskürzungen dürften Kurz- und Mittelstreckenflüge sein. Auf diesen Strecken sind die Kosten variabler und die Deckungsbeiträge ohnehin geringer – was sie bei steigendem Kostendruck als erstes zum Streichkandidaten macht.
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Zur AktienanalyseSollte sich die Lage weiter verschärfen, könnten bereits angeschlagene Fluggesellschaften sogar in ihrer Existenz bedroht sein. Die Bernstein-Analysten warnen: „Die Fluggesellschaften scheinen derzeit geneigt zu sein, um Marktanteile zu kämpfen. Wenn sich die Treibstoffpreise nicht verbessern und/oder die Zahlungsbereitschaft nachlässt, könnten die schwächeren Akteure gezwungen sein, Kürzungen vorzunehmen... oder ganz aufzugeben."
Für Anleger bedeutet dies eine zunehmende Differenzierung innerhalb des Sektors. Als Gewinner der Situation sehen die Bernstein-Analysten Airlines mit starker Stückkosten-Ökonomie und soliden Bilanzen – namentlich genannt werden IAG, die Muttergesellschaft von British Airways und Iberia, sowie der irische Billigflieger Ryanair. Beide Unternehmen seien am besten positioniert, um von einer möglichen Marktbereinigung zu profitieren und Marktanteile von schwächeren Wettbewerbern zu übernehmen.


