Epstein-Akten enthüllen: Milliardäre beleihen Kunstsammlungen für Milliardenkredite
Ein 484-Millionen-Dollar-Kunstkredit von Leon Black zeigt, wie Superreiche ihre Gemälde als Sicherheiten nutzen.

Die jüngst veröffentlichten Epstein-Akten haben einen ungewöhnlichen Einblick in die Finanzpraktiken der Superreichen gewährt. Ein Dokument aus dem März 2015 belegt, dass der Milliardär Leon Black bei der Bank of America einen Kredit über 484 Millionen Dollar aufnahm – besichert durch hochwertige Kunstwerke von Picasso, Giacometti, Tizian und Matisse. Der Zinssatz für dieses Darlehen lag damals bei lediglich 1,43 Prozent.
Das Volumen und die exotischen Sicherheiten sorgten für Schlagzeilen, doch das Prinzip dahinter ist in der Welt des Private Banking keineswegs ungewöhnlich. Kunstbeleihung – also die Aufnahme von Krediten gegen Kunstsammlungen – hat sich zu einem der am schnellsten wachsenden Segmente der Finanzbranche entwickelt. Laut einem Bericht von Deloitte und ArtTactic beläuft sich der globale Markt für Kunstkredite heute auf 38 bis 45 Milliarden Dollar.
Bis 2028 soll die Marke von 50 Milliarden Dollar überschritten werden, bei einer jährlichen Wachstumsrate von rund 12 Prozent. Der Gesamtwert der Kunst in privater Hand wird auf 1 bis 2 Billionen Dollar geschätzt – der Markt für Kunstkredite macht davon bislang nur einen Bruchteil aus.
Liquidität ohne Verkauf – das Kalkül der Superreichen
Adam Chinn, geschäftsführender Gesellschafter von International Art Finance, erklärt das Prinzip so: Kunstkredite ermöglichen Sammlern, Liquidität aus ihren Gemälden zu ziehen, während diese weiterhin an den Wänden hängen. Weit davon entfernt, finanzielle Schwäche zu signalisieren, nutzen wohlhabende Sammler solche Kredite gezielt, um kurzfristig Kapital bereitzustellen, Investitionen zu hebeln und hohe Steuerrechnungen zu vermeiden.
Besonders attraktiv ist der steuerliche Aspekt: Der Verkauf eines Kunstwerks löst in den USA einen Kapitalertragssteuersatz von 28 Prozent aus – höher als bei anderen Anlageklassen. Zusammen mit der 3,8-prozentigen Nettokapitalertragssteuer ergibt sich ein Höchstsatz von 31,8 Prozent, hinzu kommen teils staatliche Steuern. Selbst bei aktuellen Kreditzinsen von 8 bis 9 Prozent ist ein Kunstkredit damit deutlich günstiger als ein Verkauf.
Einen zusätzlichen Schub erhielt der Markt durch eine US-Steuerreform von 2017: Damals wurde die Möglichkeit sogenannter 1031-Exchanges für Kunstwerke abgeschafft. Diese Praxis erlaubte es Sammlern, Kapitalertragssteuern durch den Tausch eines Werks gegen ein anderes zu umgehen. Seither weichen viele Sammler auf Kunstkredite aus.
Hedgefonds-Manager und Private-Equity-Profis treiben Nachfrage
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Zur AktienanalyseChinn beobachtet, dass viele heutige Sammler aus der Welt der Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften stammen. Da sie es gewohnt sind, Fremdkapital zur Renditesteigerung einzusetzen, betrachten sie die Beleihung ihrer Kunstsammlungen als natürliche Erweiterung ihrer Investitionsstrategie.
Den Markt dominieren vor allem Auktionshäuser und Spezialfinanzierer. Sotheby's Financial Services gilt als einer der größten Akteure – das Unternehmen vergibt mittlerweile Kredite nicht nur gegen Kunst, sondern auch gegen Oldtimer. Scott Milleisen, globaler Leiter des Kreditgeschäfts bei Sotheby's Financial Services, bestätigt, dass Sammler die Erlöse für vielfältige Zwecke einsetzen.
Privatbanken gewähren ihren Top-Kunden dabei besonders günstige Konditionen – im Wissen, dass hinter diesen Kreditnehmern Hunderte von Millionen oder gar Milliarden an weiteren Vermögenswerten stehen. Chinn zeigt sich optimistisch: Angesichts der Erholung des Kunstmarktes und sinkender Zinssätze stehe die Branche vor einer weiteren starken Wachstumsphase.


