Energieversorger zögern bei der Stilllegung von Gasnetzen
Klimaneutralität bis 2045 erfordert konkrete Pläne und finanzielle Anpassungen

Deutsche Energieversorger stellen ihre Gasnetze nur langsam um. Eine Umfrage des Handelsblatts unter den größten Betreibern zeigt, dass diese bislang keine konkreten Pläne zur Stilllegung ihrer Netze vorgelegt haben. Dies steht im Widerspruch zu den Anforderungen des Klimaschutzgesetzes, das eine klimaneutrale Energieversorgung bis 2045 fordert. Einzig der Mannheimer Versorger MVV hat sich entschieden, sein Erdgasnetz bereits 2035 außer Betrieb zu nehmen.
Laut Klimaschutzgesetz muss Deutschland bis 2045 "netto treibhausgasneutral" sein. Das bedeutet, dass verbleibende Emissionen durch geeignete Maßnahmen kompensiert werden müssen. Der Einsatz fossiler Brennstoffe in Heizungen wäre dann nur noch erlaubt, wenn sie aus klimaneutralen Quellen stammen. Die MVV hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass bis dahin ausreichend alternative Biogase oder Wasserstoff für eine bezahlbare klimaneutrale Gasheizung zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund hat das Unternehmen eine frühere Stilllegung seines Gasnetzes beschlossen.
Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern müssen gemäß dem Wärmeplanungsgesetz bis Mitte 2026 eine kommunale Wärmeplanung vorlegen. Kleinere Kommunen haben dafür bis 2028 Zeit. Dennoch haben die meisten befragten Energieversorger bislang keine verbindlichen Pläne für die Stilllegung ihrer Gasnetze formuliert. Viele Betreiber begründen dies mit der ausstehenden Wärmeplanung. Einige Unternehmen, darunter die Hamburger Energienetze, wollen zudem die künftige politische Entwicklung abwarten, insbesondere mögliche Änderungen am Gebäudeenergiegesetz.
Einige Netzbetreiber setzen auf eine schrittweise Umstellung auf grüne Gase. Die Freiburger Badenova plant, bis 2035 in ihren eigenen Prozessen klimaneutral zu sein, jedoch sollen die Gasnetze erst im Anschluss auf grüne Gase umgestellt werden. Andere Unternehmen, wie die Mainova in Frankfurt, machen ihre Pläne von der kommunalen Wärmeplanung abhängig.
Zwar gibt es noch keine festen Stilllegungsdaten, einige Versorger bereiten sich jedoch finanziell auf das Ende der Gasversorgung vor. Die Bundesnetzagentur erlaubt eine schnellere Abschreibung der Netze. Dadurch können Unternehmen ihre Investitionen über einen kürzeren Zeitraum zurückverdienen. Einige Versorger, darunter die EWE aus Oldenburg und die Mainova, haben angekündigt, diese Möglichkeit ab 2025 erstmals zu nutzen. Eine schnellere Abschreibung könnte allerdings zu steigenden Netzentgelten für Kunden führen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie Bedeutung von Wasserstoff für private Haushalte bleibt unklar. Die meisten Netzbetreiber rechnen nicht mit einem flächendeckenden Einsatz in diesem Bereich. Stattdessen soll Wasserstoff vor allem in der Fernwärmeerzeugung und der Industrie zum Einsatz kommen. So plant beispielsweise die Mainova, ein Heizkraftwerk bis 2026 auf wasserstofffähigen Betrieb umzustellen. Einige Unternehmen beteiligen sich bereits an ersten Umstellungsprojekten und Analysen zur zukünftigen Nutzung ihrer Netze.
Ein Teil des Erdgastransportnetzes soll in das Wasserstoff-Kernnetz integriert werden. Für die übrigen Verteilnetze erscheint eine Nutzung über 2045 hinaus derzeit unwahrscheinlich. Einige Betreiber zögern mit klaren Stilllegungsplänen, um Konflikte mit Kunden zu vermeiden. Die MVV hat bereits erfahren, dass eine frühe Ankündigung solcher Pläne auf Widerstand stoßen kann. Insbesondere Kunden, die erst kürzlich in eine neue Gasheizung investiert haben, reagierten verärgert. Rückblickend räumt das Unternehmen ein, dass eine noch transparentere Kommunikation sinnvoll gewesen wäre.


