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Ehrgeiz nach dem Investmentbanking: Wenn die Bezugspunkte fehlen

Ein ehemaliger Bank-of-America-Banker reflektiert, wie Ehrgeiz ohne institutionelle Struktur seine Richtung verliert.

Ehrgeiz nach dem Investmentbanking: Wenn die Bezugspunkte fehlen

Ein ehemaliger Global Head of Equity Capital Markets bei der Bank of America, heute Managing Director bei Seda Experts, beschreibt in einem Gastbeitrag für die Financial Times ein Phänomen, das viele ehemalige Führungskräfte kennen: Vier Jahre nach dem Abschied aus dem Investmentbanking ist der Kalender voll – aber der Fortschritt bleibt aus.

Der Autor schildert seinen Alltag als eine Mischung aus Frühstücksterminen, Kaffeetreffen, Zoom-Calls und gelegentlichen Verpflichtungen, die das Tragen eines Anzugs erfordern. Dazwischen: Spaziergänge mit dem Hund. Der Terminkalender sehe nach einem produktiven Leben aus, schreibt er – doch ohne einen Deal, den es abzuschließen, oder ein Mandat, das es zu sichern gilt, verliere der Dialog oft an Dynamik.

Als konkretes Beispiel nennt er einen Videocall, der als Einladung in einen Beirat begann und sich in einen Pitch verwandelte – mit der Bitte, in ein Start-up vor der Umsatzphase zu investieren und bei der Kapitalsuche zu helfen. Beides hatte er nicht vor. Das Gespräch sei herzlich gewesen, habe aber zu nichts geführt.

Ehrgeiz braucht externe Bezugspunkte

Der Autor analysiert das Problem grundsätzlich: Ehrgeiz werde gerne als etwas rein Inneres beschrieben – ein selbst erzeugter Antrieb, ein „Auge des Tigers". In der Praxis hänge er jedoch stark von externen Bezugspunkten ab. Innerhalb einer Bank lieferten Titel, Gehalt und Dealflow eine Art Mark-to-Market-Bewertung des eigenen Status. Selbst umstrittene Kennzahlen wie Branchenauszeichnungen oder League Tables gäben dem Ehrgeiz ein Ziel – und vor allem eine Richtung.

Sobald man die Institution verlässt, verschwinden diese Bezugspunkte. Der Autor vergleicht das Gefühl mit einer sowjetischen Traktorenfabrik: Ohne Preissignale läuft der Betrieb zwar weiter, aber über die Produktivität lässt sich nur spekulieren. Man produziere weiterhin „Einheiten" von Meetings, Anrufen und E-Mails. Die Zeit fülle sich, ohne dass viel dabei herauskomme. Die Wochen fühlten sich im Moment geschäftig an, seien aber im Rückblick kaum voneinander zu unterscheiden.

Eine häufige Reaktion auf dieses Vakuum sei der Hang zur „Optionalität": Man sage zu vielen Dingen Ja, in der Hoffnung, dass sich irgendetwas in etwas Besseres verwandelt. Im Finanzjargon laufen diese Austauschtreffen auf eine Reihe von Call-Optionen „aus dem Geld" auf zukünftige Ergebnisse hinaus – die meisten verfallen ungenutzt. Das heutige Meeting knüpfe selten an die Arbeit von gestern an, weshalb man eher auf der Stelle trete, anstatt an Fahrt zu gewinnen.

Wenn Geld aufhört, Ehrgeiz zu strukturieren

Auch die Rolle von Geld verändert sich im Laufe einer Bankkarriere grundlegend. Zu Beginn verändere jede Gehaltserhöhung das Leben spürbar – Wohnort, Schulen für die Kinder, Luxusgüter. Auf Führungsebene hingegen führten viele Banker letztlich ein relativ ähnliches Leben: dieselben Michelin-Stern-Restaurants, dieselben Luxus-Refugien. Ab einem gewissen Punkt ändere zusätzlicher Reichtum nichts mehr, was man tatsächlich bemerke – und der Ehrgeiz verliere eines seiner klarsten Ziele.

Auch der Vergleich mit Gleichaltrigen helfe außerhalb der Institution kaum weiter. Innerhalb einer Bank erkenne man, wer aufsteigt, wer absteigt und wer aussortiert wird. Außerhalb werde die Analyse unschärfer. Ehemalige Kollegen übernähmen Rollen, die beeindruckend klingen – „Principal" bei einem neu aufgelegten Fonds, „Partner" bei einem Family Office ohne Website –, deren tatsächliche Bedeutung aber schwer einzuschätzen sei.

Struktur selbst erschaffen

Die Reaktion vieler Betroffener sei der Versuch, eine Version der alten Struktur zu rekonstruieren. Einige investierten in Unternehmungen, die ständige Aufmerksamkeit erfordern. Andere verfolgten Ziele mit klaren Meilensteinen: die Gründung einer Beratungspraxis, die Übernahme einer operativen Rolle oder den Aufbau eines Unternehmens. Manche versuchten sogar, regelmäßig Kommentare zum Finanzmarkt zu veröffentlichen.

Der Impuls dahinter sei stets derselbe: in einem Umfeld zu agieren, in dem Anstrengung zu etwas führt und Fortschritt wieder messbar ist. Das alte System habe ständiges – wenn auch manchmal unangenehmes – Feedback geliefert. Das neue gebe einem Freiheit, nehme einem aber die Anzeigetafel. Ehrgeiz sei damit nicht länger etwas, auf das man einfach zeigen könne, sondern etwas, das man für sich selbst konstruieren und formen müsse.

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