E10-Kraftstoff: Warum Anleger die Energiewende-Chance ignorieren
15 Jahre nach Einführung tanken nur 25% der Deutschen E10 - trotz Kostenvorteils. Experten sehen Potenzial für E20, während die Branche auf synthetische Kraftstoffe setzt.

Der Biokraftstoff E10 kämpft auch 15 Jahre nach seiner Markteinführung mit hartnäckigen Vorurteilen. Obwohl der Sprit mit bis zu zehn Prozent Ethanol-Anteil fünf bis sechs Cent pro Liter günstiger ist als herkömmliches Super-Benzin, greift nur ein gutes Viertel der deutschen Autofahrer zur E10-Zapfsäule. In Internetforen kursieren weiterhin Mythen über Motorschäden und verschlissene Dichtungen.
Experten widerlegen Vorurteile
Ralf Marquard, Sprecher des Expertengremiums Antriebe der Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik im VDI, räumt mit den Gerüchten auf. "Unser Normalkraftstoff Super enthält bereits bis zu fünf Prozent Ethanol. Fünf Prozentpunkte mehr hinzuzufügen, ist sehr gering - und das Risiko somit auch", erklärt der ehemalige Motorenentwickler. Nur bei Oldtimern könne es theoretisch zu Korrosionsschäden kommen.
Moderne Fahrzeuge sind längst auf Ethanol-Beimischungen ausgelegt. Die Hersteller verwenden seit Jahren widerstandsfähige Materialien im Kraftstoffsystem. Selbst Plug-in-Hybride mit selten genutztem Verbrennungsmotor vertragen E10 problemlos. Der ADAC bestätigt: Alle Fahrzeuge ab Baujahr 2012 haben keinerlei Probleme mit dem Biokraftstoff.
Mineralölbranche sieht Logistik-Vorteile
Jürgen Doetsch, Geschäftsführer von ED Mineralöl, würde eine Umstellung wie in Österreich oder Frankreich begrüßen, wo fast ausschließlich E10 verkauft wird. "Wir könnten damit unsere Logistik entspannen und Tankkapazitäten für andere Produkte besser nutzen - beispielsweise für eine zweite, umweltfreundlichere Dieselsorte wie HVO100", erklärt der Branchenkenner.
Motoren-Experte Marquard geht noch weiter und plädiert für die Einführung von E20 mit 20 Prozent regenerativem Kraftstoff-Anteil. Für ältere Fahrzeuge bliebe Super Plus als Alternative verfügbar. Die Idee dürfte bei Politikern jedoch auf Zurückhaltung stoßen - zu präsent ist noch die chaotische E10-Einführung 2011.
Fehlstart mit Langzeitfolgen
Damals führte die Verunsicherung der Autofahrer zu Hamsterkäufen bei Super Plus und Versorgungsengpässen. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) musste zum "Benzin-Gipfel" laden. Das Ergebnis: mehr Aufklärung an den Tankstellen. Doch die Skepsis sitzt tief. "Es wurden viele Ängste geschürt, sodass die Leute Angst hatten, dass ihr Auto E10 nicht verträgt. Und diese Angst hat sich in den Köpfen festgesetzt", so Doetsch.
Wirtschaftlichkeit für Verbraucher
Trotz des Preisvorteils wird der Gewinn durch einen um bis zu zwei Prozent höheren Verbrauch geschmälert - E10 hat einen geringeren Heizwert als reines Benzin. Marquard rechnet vor: "Wenn ich die Werte hochrechne, fahre ich damit immer günstiger." Bei einem Literpreis-Unterschied von sechs Cent und zwei Prozent Mehrverbrauch bleibt unterm Strich ein Plus für die Geldbörse.
Klimabilanz umstritten
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie Umweltbilanz von E10 ist deutlich kontroverser. Während Befürworter auf den nachwachsenden Rohstoff setzen, kritisiert der BUND die "Mogelpackung". "E10 ist nicht umweltfreundlich. Im Gegenteil: Es stößt genauso viel, wenn nicht sogar mehr CO2 aus als normales Benzin, wenn man die Herstellung des Ethanols berücksichtigt", erklärt Sabine Yacoub vom BUND Rheinland-Pfalz.
Der Anbau von Mais und Zuckerrüben für Bioethanol benötige viel Energie und Düngung. Die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittelproduktion, Naturschutz und Energiepflanzen verschärfe sich. "Die bessere Lösung ist Elektromobilität", so Yacoub.
Parallelen zur E-Mobilität
Ironischerweise kämpft auch die Elektromobilität mit ähnlichen Vorbehalten wie E10: veraltete Kenntnisse, Gerüchte und Skepsis gegenüber neuen Technologien. Für Anleger in der Energiebranche zeigt der Fall E10, wie wichtig erfolgreiche Kommunikation und Vertrauen bei der Einführung alternativer Antriebe sind - eine Lektion, die auch für Investments in Elektromobilität und synthetische Kraftstoffe relevant bleibt.


