Düngemittelindustrie unter Druck durch hohe Gaspreise
Steigende Produktionskosten und russische Importe bedrohen europäische Hersteller

Die europäische Düngemittelindustrie sieht sich erneut erheblichen Herausforderungen gegenüber, da die steigenden Gaspreise die Produktion verteuern und der Wettbewerb durch russische Exporte wächst. Stickstoffdünger, ein essenzieller Bestandteil moderner Landwirtschaft, ist besonders von diesen Entwicklungen betroffen, da Erdgas sowohl als Rohstoff als auch als Energielieferant bei der Herstellung dient. Rund 80 Prozent der Produktionskosten entfallen auf Gas, dessen Preis sich innerhalb eines Jahres um 40 Prozent erhöht hat.
Deutsche Hersteller wie SKW Piesteritz haben als Reaktion darauf ihre Produktionskapazitäten reduziert. Das Unternehmen, größter deutscher Produzent von Ammoniak, hat die Hälfte seiner Kapazitäten stillgelegt. Ähnlich verfahren andere Produzenten wie LAN Nitrogen, die den deutschen Markt vorübergehend nicht mehr beliefern. Diese Maßnahmen führen zu steigenden Preisen für Stickstoffdünger, die laut Analysten des Portals „Agrar heute“ bereits um 15 Prozent höher liegen als Anfang 2024. Landwirte, die auf diese Produkte angewiesen sind, müssen entweder die Mehrkosten tragen oder sie durch höhere Nahrungsmittelpreise weitergeben.
Auch die Herstellung von Adblue, einem Harnstoffprodukt für Dieselfahrzeuge, ist von der Krise betroffen. SKW Piesteritz, Deutschlands größter Produzent dieses Zusatzstoffs, sieht sich gezwungen, die Produktion zu drosseln. Zwar ist eine akute Knappheit derzeit nicht absehbar, doch eine potenzielle Verknappung könnte die Logistik beeinträchtigen und leere Regale in Supermärkten zur Folge haben.
Ein weiterer Faktor, der die europäischen Hersteller belastet, ist die Konkurrenz durch russische Exporteure. Diese profitieren von staatlich subventionierten Gaspreisen und können Produkte günstiger anbieten als die europäischen Wettbewerber. Der Marktanteil russischer Stickstoffdünger in der EU ist mittlerweile auf 30 Prozent gestiegen. Die Sanktionen gegen Russland umfassen diese Produkte nicht, was die Lage der europäischen Hersteller zusätzlich verschärft. Branchenvertreter fordern Einfuhrzölle, doch bisher gab es keine wirksamen Maßnahmen der EU-Kommission, um die Marktverzerrung einzudämmen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseIn Polen spitzt sich die Situation ebenfalls zu. Der Chemiekonzern Grupa Azoty, zweitgrößter Stickstoffdüngerproduzent in der EU, prüft den Verkauf seines Spezialdüngergeschäfts Compo, um finanzielle Engpässe zu überwinden. Die Marktlage bleibt angespannt, während die Abhängigkeit von russischen Importen die europäischen Hersteller zunehmend unter Druck setzt.


