Deutschlands Mittelstand kämpft gegen China und innere Schwäche
Investitionsbereitschaft auf Rekordtief, chinesischer Wettbewerb wächst täglich – der Mittelstand steht unter massivem Druck.

Der deutsche Mittelstand, seit Jahrzehnten das Rückgrat der größten Volkswirtschaft Europas, steht vor einer seiner schwersten Bewährungsproben. Die Investitionsbereitschaft ist laut einer aktuellen Umfrage der DZ Bank auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 1995 gefallen – tiefer als während der Finanzkrise, der Covid-19-Pandemie oder der Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Krieges. Nur 52 Prozent der befragten Unternehmen planen, in den nächsten sechs Monaten in ihren Betrieb zu investieren. Lediglich 26 Prozent erwarten in diesem Zeitraum eine Verbesserung der Geschäftslage.
Bertram Kawlath, Geschäftsführer des Industriearmaturenherstellers Schubert & Salzer und Präsident des VDMA – dem Verband, der den deutschen Maschinen- und Anlagenbau vertritt – bringt die Lage auf den Punkt: „Es gibt Gründe für Optimismus. Aber es bleibt nicht viel Zeit zu verlieren." Sein Unternehmen mit 150 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro ist typisch für den Mittelstand: zu klein, um mit den Branchenriesen zu konkurrieren, aber innovativ genug, um Nischen weltweit zu besetzen – von der Formel 1 bis zu den Bellagio-Brunnen in Las Vegas.
Chinesischer Wettbewerb setzt Maschinenbauer unter Druck
Während die öffentliche Debatte über Deutschlands Wirtschaftsprobleme sich bislang stark auf die Automobilindustrie konzentrierte, geraten nun auch die Maschinenbauunternehmen des Mittelstands ins Visier. Der VDMA meldet, dass die deutschen Maschinenexporte nach China im vergangenen Jahr um 8 Prozent gesunken sind – und im bisherigen Jahresverlauf erneut um denselben Betrag. Gleichzeitig stiegen die Importe chinesischer Ausrüstung nach Deutschland im gleichen Zeitraum um 14 Prozent. Die Wettbewerbsbedrohung aus China wächst damit täglich.
Erschwerend kommt hinzu, dass chinesische Waren, die aufgrund von US-Zöllen nicht mehr in die Vereinigten Staaten exportiert werden können, zunehmend nach Europa umgeleitet werden. Mehrere Branchen des Mittelstands beklagen diese Entwicklung und fordern von der EU in Brüssel mehr Geschick im Umgang mit China. Kawlath fordert gezieltere, flexiblere und schnellere Instrumente gegenüber chinesischen Unternehmen – sowohl beim Dumping als auch bei Subventionen. Die derzeitigen Regeln seien für kleinere Unternehmen zu kostspielig und zeitaufwendig, und Maßnahmen erfolgten meist erst, wenn der Schaden längst angerichtet sei.
Strukturprobleme im Inland bremsen die Wettbewerbsfähigkeit
Neben dem externen Druck aus China benennt Kawlath auch hausgemachte Probleme. Die Unternehmenssteuern in Deutschland liegen seinen Angaben zufolge rund 5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der reichen OECD-Länder. Hinzu kommen hohe Lohnnebenkosten sowie eine „überbordende" Regulierung, bei der EU-Vorschriften durch zusätzliche nationale Standards ergänzt werden – ein Phänomen, das als „Gold-Plating" bekannt ist.
Auf europäischer Ebene beklagt der Mittelstand anhaltende Defizite beim Binnenmarkt – sowohl bei den Kapitalmärkten als auch beim Warenverkehr. Dies führe dazu, dass deutsche Unternehmen mit einem erheblichen Nachteil gegenüber chinesischen und US-amerikanischen Konkurrenten kämpfen müssten. Kawlath fordert zudem, dass China öffentliche Ausschreibungen für ausländische Unternehmen öffnet, da kleinere Unternehmen ohne Präsenz vor Ort derzeit faktisch ausgeschlossen seien.
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Zur AktienanalyseDer geopolitische Hintergrund verschärft die Lage zusätzlich. „Was wir in den letzten Jahren gesehen haben, ist die Instrumentalisierung von Abhängigkeiten", sagte Kawlath und verwies auf US-Handelszölle, russische Öl- und Gasbeschränkungen sowie Chinas Dominanz bei Seltenen Erden. Der Mittelstand habe zwar eine beeindruckende Innovationsbilanz – er zerstreute einst die Sorgen vor japanischer Konkurrenz – doch der Wettbewerb aus China sei heute noch intensiver.
Die Dringlichkeit für Reformen ist damit größer denn je. Kawlath formuliert es unmissverständlich: „Im Hinblick auf die europäische Sicherheit benötigen wir eine industrielle Basis, die wettbewerbsfähig und schnell ist. Wir sind weit von der Perfektion entfernt, aber wir gehen in diese Richtung. Wir müssen rennen."


