Deutschland und Frankreich wollen KI-Souveränität statt Palantir-Abhängigkeit
Zwei europäische Schwergewichte ziehen die Reißleine: Frankreich trennt sich vom US-Analysedienst, Deutschland setzt klare Grenzen.

Ein Vizeadmiral zieht eine rote Linie, ein Premierminister verkündet den Bruch – und Europa diskutiert seine digitale Abhängigkeit von amerikanischen KI-Konzernen so intensiv wie selten zuvor. Auf der KRITIS-Konferenz in Düsseldorf machte Vizeadmiral Thomas Daum, Inspekteur des Kommandos Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, unmissverständlich klar: Unter seiner Führung werde die Software des US-Unternehmens Palantir bei der Bundeswehr keinen Zugriff auf nationale Geheimdokumente erhalten. Der Grund ist einfach: Diese Daten würden auf ausländischer IT-Infrastruktur verarbeitet – und dürften den deutschen Hoheitsbereich nicht verlassen.
Nur wenige Stunden zuvor hatte Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu eine noch weitreichendere Entscheidung bekanntgegeben. Der französische Inlandsgeheimdienst DGSI beende die Zusammenarbeit mit Palantir. „Wir können im digitalen Bereich keine neuen strategischen Abhängigkeiten akzeptieren", erklärte Lecornu in einem Video, das er über soziale Netzwerke verbreitete. Frankreich dürfe nicht länger vom „guten Willen bestimmter Partner" abhängen, die den Zugang zu KI-Anwendungen jederzeit sperren könnten. „Frankreich muss seine eigenen Werkzeuge haben", so der Premier.
Der Anthropic-Schock als Weckruf
Was Lecornu meinte, hatte kurz zuvor für Alarmstimmung in ganz Europa gesorgt. Am 12. Juni wies die US-Regierung das KI-Unternehmen Anthropic an, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu dessen neuesten KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 zu sperren. Anthropic kappte daraufhin den Zugriff außerhalb der USA – ohne Vorwarnung. Der Vorfall machte schlagartig sichtbar, wie verwundbar Europa durch seine Abhängigkeit von amerikanischen KI-Diensten ist. Wer auf fremde Infrastruktur setzt, ist erpressbar.
Als Nachfolger für Palantir hat Paris das 2019 gegründete französische Unternehmen Chapsvision benannt. Der KI-Spezialist erzielte nach eigenen Angaben 2024 rund 200 Millionen Euro Umsatz und bietet Datenanalyseanwendungen für europäische Behörden und Unternehmen an. Chapsvision soll künftig nicht nur den Geheimdienst, sondern auch zahlreiche weitere Ministerien mit KI-Lösungen versorgen. Zusätzlich will Frankreich bis 2030 weitere 655 Millionen Euro in die eigene KI-Infrastruktur investieren – für Rechenleistung, Forschung und Industrieanwendungen. Präsident Emmanuel Macron hat das Thema zur Chefsache erklärt.
Die Beziehung zwischen Frankreich und Palantir war dabei keine Liebesgeschichte. Rund ein Jahrzehnt lang nutzte die französische Inlandsaufklärung die Datenanalyseplattform des 2003 vom deutsch-amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel mitgegründeten Konzerns. Noch im Dezember hatte Palantir eine Vertragsverlängerung mit dem DGSI verkündet. Laut einer aktuellen Erklärung bleibt dieser Vertrag formal in Kraft – faktisch aber hat Frankreich entschieden, ihn ruhen zu lassen.
Deutschland: Politikum mit föderaler Zersplitterung
In Deutschland ist Palantir seit Jahren ein politisch heißes Eisen. Die Software wird von Sicherheitsbehörden in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen eingesetzt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Innenminister einiger unionsgeführter Länder loben die Analysefähigkeiten der Plattform als unverzichtbar für Verbrechensbekämpfung und Terrorabwehr. Auf der anderen Seite warnen Datenschützer, Bürgerrechtler sowie Teile der SPD und der Grünen vor der intransparenten Systemarchitektur und den engen Verflechtungen Palantirs mit dem US-Sicherheitsapparat. Thiels offene Nähe zu Donald Trump hat die Debatte in Europa zusätzlich angeheizt.
Bundesweit einheitliche Entscheidungen über den Einsatz von Palantir bei Sicherheitsbehörden gibt es bislang nicht. Die Zuständigkeit liegt bei den Ländern. Solange das so bleibt, bleibt Palantir in Bayern, Hessen und NRW weiter im Einsatz – während die Bundeswehr klare Grenzen setzt und Frankreich den Stecker zieht.
Celonis und Deepset: Deutsche Antwort auf Palantir
Während die Politik debattiert, handeln europäische IT-Unternehmen. In Deutschland stehen mehrere Anbieter bereit, Palantir bei Sicherheitsbehörden ganz oder teilweise abzulösen. Besondere Aufmerksamkeit erregt ein Bündnis, das in dieser Woche öffentlich wurde: Die deutschen Softwarespezialisten Celonis und Deepset bündeln ihre Kräfte für eine gemeinsame, souveräne KI-Plattform – ausgerichtet auf Unternehmen, aber explizit auch auf Behörden, Verteidigung, Polizei und kritische Infrastrukturen.
Celonis, 2011 als Spin-off der TU München gegründet und heute mit rund 13 Milliarden Dollar bewertet, ist Weltmarktführer im sogenannten Process Mining. Die Plattform macht sichtbar, wie Prozesse in Organisationen tatsächlich ablaufen und wo Ineffizienzen entstehen. Deepset, 2018 in Berlin gegründet, steht hinter Haystack – einem der global meistgenutzten Open-Source-Werkzeuge für komplexe KI-Anwendungen mit großen Sprachmodellen in Unternehmen.
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Zur AktienanalyseWas beide gemeinsam anbieten wollen, zielt direkt auf den Markt, den Palantir bisher dominiert: die Verknüpfung von KI-Systemen mit heterogenen Datenquellen, Echtzeitanalyse komplexer Abläufe und Entscheidungsunterstützung in sicherheitskritischen Umgebungen. Nur eben „made in Germany", auf Open-Source-Basis, ohne Bindung an US-Infrastruktur.
Folgt Deutschland dem französischen Vorbild?
Ob und wie weitgehend Deutschland dem französischen Beispiel folgt, ist noch offen. WDR, NDR und die „Süddeutsche Zeitung" berichteten zuletzt, der Bundesverfassungsschutz stehe bereits mit dem neuen französischen Palantir-Nachfolger Chapsvision in Kontakt und wolle die Plattform testen. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz äußert man sich nicht konkret, bestätigt aber zumindest „regelmäßige Marktsichtungen" bei der Softwareauswahl.
Für Anleger, die das Thema KI-Souveränität im Blick haben, zeichnet sich ein klarer Trend ab: Europa sucht aktiv nach Alternativen zu US-amerikanischen Plattformen. Das eröffnet Chancen für europäische Technologieunternehmen – und stellt gleichzeitig ein wachsendes Risiko für US-Konzerne wie Palantir dar, die bislang von staatlichen Aufträgen in Europa profitiert haben.


