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Deutscher Spargelanbau unter Druck: Fläche, Betriebe und Erntemenge sinken

Importe, Mindestlohn und Arbeitskräftemangel belasten die Branche – der Strukturwandel nimmt Fahrt auf.

Deutscher Spargelanbau unter Druck: Fläche, Betriebe und Erntemenge sinken

Kaum ein Gemüse genießt in Deutschland eine solche Beliebtheit wie Spargel. Seit Wochen füllen weiße und grüne Bündel die Regale von Supermärkten, Discountern und Hofläden. Die Saison startete dank guten Wetters für viele Betriebe erfreulich. Doch hinter der saisonalen Idylle brodelt es gewaltig.

Zahlen des Statistischen Bundesamts zeichnen ein ernüchterndes Bild: Seit 2015 ist die Anbaufläche um mehr als zwölf Prozent gesunken, die Erntemenge um mehr als acht Prozent – und die Zahl der Betriebe sogar um fast 30 Prozent. Thies Meyer, niedersächsischer Landwirt und Vorstand der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer, bestätigt: Für viele Betriebe lohne sich der Anbau schlicht nicht mehr.

Importdruck und Preiskampf im Lebensmittelhandel

Ein zentrales Problem ist der wachsende Importdruck. Bereits fast ein Viertel der in Deutschland verkauften Spargelmenge stammt im Jahr 2025 aus dem Ausland. Anbieter aus Spanien, Griechenland und Italien drängen zunehmend auf den deutschen Markt – und können deutlich günstiger produzieren. Meyer schätzt, dass ein Kilogramm Spargel im Ausland zum Teil für die Hälfte der deutschen Produktionskosten hergestellt werden kann.

„Es klafft eine riesige Lücke zwischen den Produktionskosten im In- und Ausland. In Italien etwa gibt es überhaupt keinen Mindestlohn, in Spanien einen vergleichsweise niedrigen", erklärt Meyer. Sein Fazit: „Im Schengenraum wird nicht unter gleichen Bedingungen gewirtschaftet." Der Lebensmittelhandel – allen voran Discounter wie Aldi und Lidl – greife naturgemäß zum günstigeren Produkt, so Meyer. Er sei dabei auch ein Stück weit gezwungen, dem Kundenwillen zu folgen.

Der Mindestlohn verschärft die Kostensituation zusätzlich. Seit seiner Einführung 2015 macht das Personal einen Großteil der Betriebskosten aus. Aktuell liegt er bei 13,90 Euro pro Stunde, ab 2027 soll er auf 14,60 Euro steigen. Meyer betont, jeder verdiene einen gerechten Lohn – doch die Lohnstruktur laufe der Branche „komplett aus dem Ruder". Der Strukturwandel werde durch staatliche Eingriffe beim Mindestlohn „noch weiter befeuert", warnt er.

Erntehelfer werden rarer – Automatisierung noch nicht praxisreif

Das Geschäftsmodell des deutschen Spargelanbaus basiert traditionell auf Saisonarbeitskräften, häufig aus Osteuropa. Doch diese werden nicht nur teurer, sondern auch schwerer zu finden. „Es ist nach wie vor harte Arbeit, egal ob bei Regen, Sonne oder Wind – viele tun sich das auch nicht mehr an", sagt Meyer. In seinem Betrieb arbeiten pro Saison zwischen 80 und 100 Erntehelfer – früher waren es mehr.

Simon Schumacher, Geschäftsführer beim Verband der Süddeutschen Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE), bestätigt: Es werde immer schwieriger, überhaupt Zugang zu motivierten Arbeitskräften zu bekommen. Die verbesserte Wirtschaftslage in Ländern wie Polen ermöglicht es immer mehr Menschen, auf Ausbildung oder besser bezahlte Jobs im Inland zu setzen, statt als Erntehelfer nach Deutschland zu kommen. Hinzu kommen Berichte der Initiative „Faire Landarbeit" über teils prekäre Arbeitsbedingungen – überteuerte Unterkünfte und überschrittene Höchstarbeitszeiten.

Deutschland hat bereits Abkommen mit Georgien und der Republik Moldau geschlossen, um mehr Saisonkräfte zu gewinnen. Der VSSE fordert eine Ausweitung auf weitere Länder – bisher ohne politische Unterstützung. „Erfahrungsgemäß dauert es einige Jahre, bis solche Abkommen anlaufen. Man muss das also frühzeitig eintüten – doch bisher nimmt niemand der Verantwortlichen die Tüte in die Hand", kritisiert Schumacher.

Hoffnung setzt die Branche auf Automatisierung. Maschinen unterstützen bereits in vielen Produktionsbereichen, doch beim eigentlichen Spargelstechen fehlt eine flächendeckende Lösung. Die Technik sei teuer, und was im Labor funktioniere, stoße auf dem Acker bei Sturm, Dreck und Matsch schnell an Grenzen, erklärt Meyer. Ernteleistung und Investitionskosten stünden noch in keinem guten Verhältnis.

Verbände fordern Entlastungen – Gewerkschaft widerspricht

Die Branche kämpft auch mit ungewisser Betriebsnachfolge. Schumacher beschreibt das Dilemma: „So stellt sich mittlerweile für die Nachfolger die Frage, ob man in der Übergangsphase zwischen der einen und der anderen Generation überhaupt noch beide Familien ernähren kann."

Arbeitgeberverbände fordern deshalb, Saisonarbeitskräfte vom Mindestlohn auszunehmen. Die Initiative „Faire Landarbeit" und die Gewerkschaft IG BAU lehnen das entschieden ab – Saisonarbeiter seien bereits jetzt „vielen sozialen und wirtschaftlichen Risiken" ausgesetzt. Der VSSE setzt stattdessen auf einen anderen Hebel: die Abschaffung der Prüfung der sogenannten Berufsmäßigkeit durch die Deutsche Rentenversicherung. Diese entscheidet darüber, ob ein Erntejob als kurzfristige, sozialabgabenfreie Beschäftigung gilt. Das Problem: Die Prüfung werde laut VSSE uneinheitlich angewendet, was Rechtsunsicherheit schafft. Im schlimmsten Fall drohen rückwirkende Nachforderungen von bis zu 40 Prozent der Lohnkosten pro Jahr – rückwirkend für vier Jahre, inklusive Säumniszuschlägen.

„Eine Abschaffung der Prüfung der Berufsmäßigkeit durch die Deutsche Rentenversicherung würde den Betrieben mehr bringen als den Mindestlohn einzufrieren", ist Schumacher überzeugt. Die IG BAU hingegen sieht bereits die seit Jahresbeginn geltende Ausweitung der sozialversicherungsfreien Beschäftigung von 70 auf 90 Tage kritisch – sie führe zur weiteren Prekarisierung und zu Einnahmeverlusten bei den Sozialversicherungsträgern. Die Gewerkschaft fordert stattdessen, dass Saisonbeschäftigte durch ihre Arbeit Anspruch auf gesetzliche Krankenversicherung und Rente erwerben – und Rentenansprüche in ihr Herkunftsland übertragen können.

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