Deutsche Industrie überrascht mit starkem Auftragsplus im Juni
Auftragseingang steigt um 3,1 Prozent – Maschinenbau und Elektronikhersteller treiben das Wachstum maßgeblich an.

Der Auftragseingang im deutschen verarbeitenden Gewerbe hat im Juni kräftig zugelegt. Das Statistische Bundesamt meldete ein Plus von 3,1 Prozent gegenüber dem Vormonat – weit mehr als die von Reuters befragten Ökonomen erwartet hatten. Diese hatten lediglich mit einem Zuwachs von 0,3 Prozent gerechnet. Es ist bereits der zweite Anstieg in Folge.
Besonders stark zogen die Bestellungen im Maschinenbau an, der ein Plus von 12,7 Prozent verzeichnete. Noch deutlicher fiel der Zuwachs bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen aus: Hier stiegen die Aufträge um 22,7 Prozent. Die Statistiker erklärten, dass in beiden Bereichen eine Reihe von Betrieben Großaufträge gemeldet habe. Auch die Automobilindustrie leistete mit einem Zuwachs von 3,8 Prozent einen positiven Beitrag.
Inlandsaufträge als wichtigster Wachstumstreiber
Ausschlaggebend für das Gesamtergebnis war laut Bundeswirtschaftsministerium vor allem die Binnennachfrage: Die inländischen Aufträge stiegen um 7,8 Prozent. Das Ministerium führte dies auf starke Zuwächse bei den Investitionsgüterproduzenten zurück – vermutlich im Zusammenhang mit öffentlichen Beschaffungen für die Bundeswehr sowie Aufträgen aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität.
Die Auslandsnachfrage zeigte sich trotz geopolitischer Spannungen „bemerkenswert robust" und legte um 0,2 Prozent zu. Allerdings brachen die Bestellungen aus der Eurozone um 14 Prozent ein, während Aufträge aus dem übrigen Ausland um 10,2 Prozent zulegten. Im sonstigen Fahrzeugbau – dazu zählen Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge – gingen die Bestellungen um 41,7 Prozent zurück, nach einem sehr hohen Niveau im Vormonat.
Experten mahnen zur Vorsicht
Trotz der positiven Zahlen warnen Ökonomen vor übertriebener Euphorie. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, sieht in den Daten zwar eine solide Grundlage: „Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage für eine mittelfristige Produktionsausweitung. Die deutsche Wirtschaft hat damit die Trendwende vollzogen und dürfte auf Sicht der kommenden Jahre wieder höhere Wachstumszahlen ausweisen."
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer bleibt hingegen skeptisch. Er betont, dass die Zahlen ohne Großaufträge sogar geschrumpft wären – und dass der Mai-Zuwachs nachträglich von 1,9 auf 0,3 Prozent nach unten korrigiert wurde. „All das erinnert wieder einmal daran, dass sich die deutsche Wirtschaft selbst dann nur zögerlich erholen dürfte, wenn das Öl wieder durch die Straße von Hormus fließt", so Krämer. Er verweist zudem auf strukturelle Probleme: „Letztlich leiden die deutschen Unternehmen weiter unter einer schlechten Standortqualität, die die geplanten Reformen der Bundesregierung nicht wesentlich verbessern dürften."
Rhein-Niedrigwasser als neues Risiko
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Zur AktienanalyseJens-Oliver Niklasch, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), weist auf ein weiteres Risiko hin: „Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen." Das Niedrigwasser auf dem Rhein – Europas wichtigster Wasserstraße – behindert seit Tagen die Binnenschifffahrt und könnte Lieferketten unterbrechen.
Simon Gerards Iglesias vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) verdeutlichte im ZDF-Morgenmagazin die Tragweite des Problems: „Für ein Unternehmen wie BASF ist es lebensnotwendig, dass der Rhein als Wasserstraße funktioniert, wenn es 40 Prozent seiner Produkte hierüber abfertigt." Gerade in den Rhein-Anrainerländern seien viele Unternehmen auf die Wasserstraße für Güter, Rohstoffe und Vorprodukte angewiesen.
Für Privatanleger bleibt das Bild damit gemischt: Die Auftragsdaten signalisieren kurzfristig Erholung, doch strukturelle Schwächen und externe Risiken wie Niedrigwasser, Geopolitik und Standortprobleme dämpfen die Erwartungen an einen nachhaltigen Aufschwung der deutschen Industrie.


