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Dave Eggers: Warum niemand KI-Romane lesen wird

Bestsellerautor Dave Eggers kritisiert generative KI scharf – und erklärt, warum sie Literatur und Bildung bedroht.

Dave Eggers: Warum niemand KI-Romane lesen wird

Dave Eggers, einer der bekanntesten amerikanischen Gegenwartsautoren, macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für KI-generierte Literatur. In einem Gespräch an Bord seines 23-Fuß-Segelboots, das im Schatten der Golden Gate Bridge in San Francisco vor Anker liegt, bezeichnet er KI-Texte als „Pastiche-Unsinn" – und fragt provokant, „wie leichtgläubig und lächerlich man sein müsste, um zu glauben, dass es jemals einen KI-Roman geben würde, den irgendjemand lesen wollte."

Auslöser für Eggers' öffentliche Kritik war eine Aussage von OpenAI-Chef Sam Altman, der erklärte, er sei „wirklich beeindruckt" von einer Kurzgeschichte gewesen, die von ChatGPT generiert wurde. Für Eggers, der seit Jahrzehnten über die Gefahren der Tech-Industrie schreibt, war das ein rotes Tuch. Dass führende KI-Modelle unter anderem durch das Einlesen von Hunderttausenden urheberrechtlich geschützter Bücher ohne Erlaubnis trainiert wurden, macht ihre Fähigkeit zur literarischen Imitation für ihn wenig beeindruckend.

Eggers vor OpenAI-Mitarbeitern: „Eine katastrophale Wirkung"

OpenAI reagierte auf Eggers' Kritik mit einer ungewöhnlichen Einladung: Der Autor sollte vor rund 200 Mitarbeitern des Unternehmens sprechen. Eggers nahm die Gelegenheit gerne an. „Ich hatte einen Riesenspaß", sagt er. „Es waren etwa 200 Mitarbeiter und offensichtlich gehören diese Leute zu den klügsten Köpfen des Planeten."

Sein Kernargument vor dem Publikum war pädagogischer Natur: „Die Auswirkungen von ChatGPT auf das Leben von Pädagogen sind katastrophal. Ob Sie es beabsichtigt haben oder nicht, Sie haben das Leben jedes Lehrers unendlich viel schwieriger gemacht, als es vor zwei Jahren war." Besonders alarmiert ihn der Einsatz von KI beim Schreiben durch Schüler: „Wenn Schüler es zum Schreiben verwenden, was die größte Tragödie von allen ist, werden sie nie lernen zu schreiben. Und ihre Stimme wird ihnen gestohlen. Sie werden nie die Fähigkeit haben, ihre Wahrheit auszusprechen und ihre eigene Geschichte zu erzählen. Und das bringt eine ganze Generation oder zwei zum Schweigen."

Ein besonders aufschlussreicher Moment ereignete sich während des Vortrags: Ein OpenAI-Mitarbeiter gestand, ChatGPT benutzt zu haben, um ein Gedicht zu schreiben, das seiner Heimatstadt huldigen sollte. Als Eggers fragte, warum er es nicht einfach selbst geschrieben habe, antwortete der Mitarbeiter, er brauche das „Feedback" der KI. Eggers' Reaktion war empathisch: Er riet dem Mitarbeiter, das Haus zu verlassen, Menschen zu treffen und einer Schreibgruppe beizutreten. „Es endete als eine sehr bewegende Stunde", sagt er.

Ein Autor mit Weitblick – und einer langen Geschichte des Tech-Skeptizismus

Eggers ist kein Neuling in der Kritik an der Tech-Industrie. Sein Roman „The Circle" aus dem Jahr 2013 – später verfilmt – schildert eine junge Frau, die bei einem mächtigen Internetunternehmen anheuert und dabei schrittweise ihre Identität verliert. Die fiktiven Unternehmensideologien werden durch Slogans wie „Geheimnisse sind Lügen" und „Privatsphäre ist Diebstahl" zusammengefasst. In der Fortsetzung „The Every" aus dem Jahr 2021 verschmilzt dieses Unternehmen mit einem E-Commerce-Riesen zu einem allmächtigen Konzern. Getreu seinem Anti-Tech-Motiv weigerte sich Eggers mehrere Wochen lang, das Buch auf Amazon anzubieten, und bevorzugte den Vertrieb über unabhängige Buchhandlungen.

Über die Menschen, die bei großen Tech-Unternehmen arbeiten, urteilt Eggers differenziert: „Die tatsächlichen Menschen, die ich in diesen Unternehmen treffe, sind immer wahnsinnig normal. Sie erkennen dieselben Gefahren, sie wollen das Richtige tun." Das eigentliche Problem sieht er in der Struktur: „Ich denke, sie sind in Abteilungen isoliert. Die einzelnen Personen sind nicht eingeweiht in – oder sich nicht bewusst über – den kollektiven Schaden. Sie können die gesamte Maschine nicht sehen."

Neues Buch „Contrapposto" bewusst ohne Technologie

Eggers' neuestes Werk „Contrapposto", das diesen Monat erscheint, ist eine bewusste Gegenbewegung zur digitalen Gegenwart. Der Roman folgt zwei Künstlern, Cricket und Olympia, deren Geschichte sich über sieben Jahrzehnte erstreckt – von der jüngeren Vergangenheit bis in die nahe Zukunft. Technologie spielt dabei kaum eine Rolle. „Das Einfügen zeitgenössischer Technologie ist in Romanen wirklich ungeschickt", erklärt Eggers. „Es kann sehr schnell peinlich werden, besonders wenn man Jahre zurückblickt und MySpace, Netscape oder AltaVista erwähnt werden."

Das Buch stützt sich stattdessen auf Eggers' eigene frühe Ausbildung als bildender Künstler. Seine Skizzen zieren das Werk. In einigen der eindrucksvollsten Passagen beschreibt er liebevoll, wie man den menschlichen Körper in korrekten Proportionen zeichnet und wie man Leinwand auf einen Rahmen nagelt. Der Titel „Contrapposto" – ein Kunstbegriff, der Gegengewicht bedeutet – ist dabei Programm.

Eggers, 56 Jahre alt, verheirateter Vater von zwei Kindern, hat seit seinem Debüt „A Heartbreaking Work of Staggering Genius" im Jahr 2000 mehr als 30 Werke verfasst, darunter Belletristik, Journalismus, Kinderliteratur und Drehbücher. Er ist zudem Gründer des unabhängigen Verlagshauses McSweeney's, der Jugendschreibschule 826 National sowie mehrerer gemeinnütziger Organisationen. Seinen Schreibplatz hat er auf engstem Raum gefunden: in der Kabine seines 45 Jahre alten Kutters – ohne Internet, ohne Ablenkung.

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