Chinesische Investoren in Deutschland: Ausverkauf oder Wachstumschance?
Eine neue Analyse von rund 50 deutschen Unternehmen mit chinesischen Mehrheitsinvestoren liefert überraschend differenzierte Ergebnisse.

2016 erlebten chinesische Unternehmensübernahmen in Deutschland ihren absoluten Höhepunkt: 68 Mal stiegen chinesische Investoren bei deutschen Firmen ein oder übernahmen diese vollständig. Im Fokus standen vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Automobilindustrie und der Elektrotechnik. Kritiker warnten lautstark vor dem Ausverkauf deutscher Schlüsseltechnologien, während Befürworter auf frisches Kapital und neue Absatzmärkte hofften.
Was aus diesen übernommenen Unternehmen geworden ist, wurde bislang kaum systematisch untersucht. Das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus hat nun die wirtschaftliche Entwicklung von rund 50 Unternehmen mit chinesischen Mehrheitsinvestoren analysiert – mit besonderem Augenmerk auf Umsatz- und Beschäftigtenzahlen. Rund 20 Unternehmen beantworteten zudem Fragen zu strategischen Veränderungen, Wissenstransfer und der Bedeutung ihres deutschen Standorts.
Stabiles Bild nach zehn Jahren
Das Ergebnis der Analyse überrascht: Die Bilanz fällt weitgehend positiv aus. Fünf Jahre nach dem jeweiligen Einstieg lagen die Umsätze der untersuchten Unternehmen im Durchschnitt sechs Prozent über dem Niveau des Übernahmejahres. Auch beim Personalbestand zeigt sich kein massiver Stellenabbau – nach einem pandemiebedingten Einbruch erholten sich die Mitarbeiterzahlen wieder auf das Niveau vor der Übernahme und lagen sogar wenige Prozentpunkte darüber.
DIW-Ökonom Martin Gornig mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation: Zu viele Faktoren beeinflussten die Entwicklung eines Unternehmens über einen so langen Zeitraum. Die Ergebnisse entsprächen weitgehend der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Einen systematischen Ausverkauf deutscher Firmen lassen die Daten jedenfalls nicht erkennen.
Ein zentrales Motiv chinesischer Investoren war stets der Zugang zu deutschem technischen Know-how. Die Analyse bestätigt, dass es in vielen Fällen tatsächlich zu Wissenstransfers kam: Rund 70 Prozent der befragten Unternehmen berichten von einem verstärkten Know-how-Transfer nach China. Gleichzeitig geben jedoch auch mehr als die Hälfte der Firmen an, selbst von Wissen und Erfahrungen aus China profitiert zu haben.
Wissenstransfer funktioniert in beide Richtungen
Dieses Ergebnis widerspricht dem lange verbreiteten Bild, wonach technisches Wissen ausschließlich von Deutschland nach China abfließt. Die Daten deuten vielmehr darauf hin, dass Wissenstransfer in vielen Fällen auf Gegenseitigkeit beruht – ein Befund, der die öffentliche Debatte neu justieren dürfte.
Dass die Gesamtbilanz überwiegend positiv ausfällt, bedeutet jedoch nicht, dass es keine problematischen Einzelfälle gibt. Besonders eindrücklich zeigt das die Insolvenz des Automobilzulieferers Kiekert aus Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen. Das Unternehmen produziert seit 169 Jahren Türschließsysteme und zählt zu den Weltmarktführern seiner Branche. 2012 übernahm ein chinesischer Eigentümer die Firma, die Produktion verblieb weiterhin in Deutschland.
Der Fall Kiekert: Geopolitik trifft Werkshalle
Als Kiekert im vergangenen Jahr in finanzielle Schwierigkeiten geriet, blieben bereits zugesagte Finanzmittel aus China in Millionenhöhe aus. Gleichzeitig erschwerten geopolitische Spannungen die Suche nach neuen Geldgebern erheblich. Deutsche Banken sowie die NRW.BANK lehnten Anträge auf Kredite und Bürgschaften ab – unter anderem wegen US-Sanktionen gegen den chinesischen Mutterkonzern, wie NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne/Bündnis 90) gegenüber Plusminus bestätigte.
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Zur AktienanalyseDer Fall Kiekert illustriert eine neue Realität: Deutsche Unternehmen sind heute nicht mehr allein von den wirtschaftlichen Entscheidungen ihrer Eigentümer abhängig. Geopolitische Konflikte und internationale Sanktionsregime wirken zunehmend direkt in deutsche Werkshallen hinein – ein Risikofaktor, der bei Übernahmeentscheidungen künftig stärker gewichtet werden dürfte.
Trotz dieser politischen Spannungen bewerten viele der befragten Unternehmen ihre Entwicklung unter chinesischen Eigentümern positiv. Mehr als die Hälfte gibt sogar an, dass die Bedeutung ihres deutschen Standorts seit der Übernahme gestiegen sei. Ein weiteres Drittel sieht sie als stabil an.
Die große Lehre aus zehn Jahren chinesischer Investitionen in Deutschland lautet daher weder Abschottung noch grenzenlose Offenheit. Weder die Befürchtungen eines flächendeckenden Technologieausverkaufs noch die Hoffnung auf einen automatischen Wachstumsschub haben sich pauschal bewahrheitet. Die Debatte hat sich verschoben: Heute stehen weniger die Investoren selbst im Mittelpunkt als die geopolitischen Risiken, die mit internationalen Beteiligungen verbunden sein können.


