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Chinas neue E-Auto-Norm: Kein Brand mehr nach Akkuschaden erlaubt

Seit dem 1. Juli gilt in China die Norm GB 38031–2025 – sie verbietet brennende E-Auto-Batterien und setzt weltweit neue Maßstäbe.

Chinas neue E-Auto-Norm: Kein Brand mehr nach Akkuschaden erlaubt

Auf der Auto China Show in Peking feierte der Porsche Cayenne Coupé Electric seine Weltpremiere. Der intern E4 genannte Viersitzer leistet bis zu 1.156 PS, erreicht 260 km/h Spitze, sprintet in 2,5 Sekunden auf 100 km/h und schafft bis zu 669 Kilometer Reichweite. Doch das eigentlich Bemerkenswerte an dem Fahrzeug ist unsichtbar: die Batterie im Fahrzeugboden.

Der 113-Kilowattstunden-Akku des Cayenne gehört zu den ersten europäischen Serienfahrzeugen, die eine neue chinesische Sicherheitsnorm erfüllen – die seit dem 1. Juli 2025 in Kraft ist und die Automobilbranche grundlegend verändern dürfte. Auch BMW präsentierte auf der Messe mit dem neuen iX3 erstmals ein Modell, das diese Anforderungen erfüllt.

Weltpremiere einer Sicherheitsnorm

Die Norm GB 38031–2025 schreibt weltweit erstmalig vor: Hochvolt-Fahrbatterien in Elektroautos dürfen nach einem Schaden – egal ob durch einen Crash oder einen Kurzschluss – mindestens zwei Stunden lang weder in Brand geraten noch explodieren. Ab Sommer 2027 gilt diese Vorgabe des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie auch für alle Neuwagen bereits länger zugelassener Modelle.

Zusätzlich zur Brandschutzpflicht schreibt die Norm einen speziellen Crashtest für Unterbodenaufpralle sowie ein Frühwarnsystem vor. Spätestens fünf Minuten nachdem eine Batteriezelle beschädigt wird oder sich chemisch zu zersetzen beginnt, müssen die Fahrzeuginsassen gewarnt werden. Giftige Gase dürfen bis zum Alarm nicht ins Fahrzeuginnere gelangen.

Die Norm adressiert damit eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber Elektroautos. Zwar brennen E-Fahrzeuge statistisch seltener als Verbrenner – doch sie brennen intensiver, länger und sind schwerer zu löschen. Der Grund: Einmal in Brand geraten, produziert die Fahrbatterie den für das Feuer notwendigen Sauerstoff als chemische Reaktion selbst. Dieses Bild des brennenden Elektroautos hat dem Vertrauen in die Technologie und damit auch den Marktanteilen geschadet.

„Als ich das erste Mal von dem Normentwurf hörte, dachte ich, wenn China das so umsetzt, markiert es für Batteriebau und E-Mobilität eine Zeitenwende", sagt Jens Tübke, Chef der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle und Professor für elektrochemische Speicherung am Karlsruher Institut für Technologie.

Das technische Problem: Thermal Runaway

Das Kernproblem liegt in der heute verwendeten Zellchemie. Als Elektrolyt kommen organische Lösungsmittel zum Einsatz – Substanzen mit einem ähnlichen Brennwert wie Benzin. Werden Zellen beschädigt oder überhitzt, können sie Feuer fangen. Fachleute sprechen vom „Thermal Runaway", dem Durchbrennen: Eine Zelle entzündet die nächste, eine Kettenreaktion setzt ein, die den gesamten Akkupack in Brand setzen kann.

„Dass mal eine oder zwei Zellen in einer Fahrzeugbatterie Schaden nehmen, lässt sich nicht verhindern", erklärt Batterieexperte Tübke. Entscheidend sei jedoch, die Ausbreitung zur unkontrollierbaren Kettenreaktion zu verhindern: „Entscheidend ist, den Fehler durch eine sichere Konstruktion der Batteriepacks auf den Ausbruchsort zu begrenzen, heiße Zellgase abzuleiten und die einzelnen Zellen so abzukapseln, dass die Hitze andere Batteriezellen nicht in brandgefährliche Temperaturbereiche aufheizt."

Batterieexperte Alan Greenshields ergänzt: Bei den weit verbreiteten Nickel-Mangan-Kobalt-Kathoden wird bei Überhitzung Sauerstoff freigesetzt, der die Brandausbreitung begünstigt. Lithium-Eisenphosphat-Batterien setzen zwar keinen Sauerstoff frei, haben aber eine geringere Energiedichte. Festkörperbatterien versprechen höhere Energiedichten und mehr Sicherheit, stehen vor dem Serieneinsatz jedoch noch vor technologischen und produktionstechnischen Hürden.

Wie Porsche und BMW die Norm erfüllen

Porsche setzt beim neuen Cayenne auf eine Konstruktion, bei der das Batteriesystem integraler Bestandteil der Sicherheitsstruktur des Fahrzeugs ist. „Das heißt, bei einem Crash wirkt die Energie zwar durch das Gehäuse der Batterie, aber nicht auf die Zelle", erklärt Porsche-Manager Marco Schmerbeck, Leiter Energiesysteme bei der Cayenne-Baureihe. Austretende Gase werden in den Unterboden abgeleitet und dort auf unkritische Temperaturen abgekühlt. Porsche setzt dabei weiterhin auf die leistungsstärkeren Nickel-Mangan-Kobalt-Kathoden, da diese für die angestrebte Fahrdynamik und das Ladeverhalten die besseren Werte liefern.

BMW startet mit dem neuen iX3 eine neue, als Gen6 bezeichnete Batteriezell- und Speichertechnologie. Diese wurde laut BMW „fürs ganze vollelektrische Portfolio und für den Weltmarkt entwickelt" und erfüllt damit auch die neuen chinesischen Anforderungen. Volkswagen erklärt pauschal, alle Konzernmodelle erfüllten die geltenden gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen in ihren jeweiligen Märkten.

Verstöße gegen die neue Norm können teuer werden: Das chinesische Gesetz sieht bei Zuwiderhandlungen zeitlich begrenzte Verkaufsverbote für betroffene Fahrzeugtypen oder sogar den vollständigen Verlust der Typzulassung vor.

China setzt globale Standards – ein Warnsignal für Europa

Die Auswirkungen der neuen Norm werden weit über China hinausgehen. Da Fahrzeuge für internationale Märkte entwickelt werden und eine separate Konstruktion für einzelne Länder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die chinesischen Sicherheitsstandards auch in Europa zur Norm werden.

„Das ist ein sehr gutes Beispiel für eine nutzerorientierte Regulierung", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Der Staat gebe das Ziel vor, die Industrie müsse die geeigneten Lösungen finden.

Für Bratzel steckt in der Entwicklung jedoch auch ein Warnsignal für die europäischen Hersteller: „Sie müssen schauen, dass sie technologisch wieder Vorreiter werden und einen Vorsprung gewinnen." Die Zeiten, in denen europäische Regulierer mit Vorgaben zu Knautschzonen, Sicherheitsgurten oder Antiblockiersystemen die globalen Sicherheitsstandards im Automobilbau definierten, scheinen vorbei. Heute setzt China die Maßstäbe – zumindest bei der E-Mobilität.

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