Chinas Biotechnologie-Aufstieg: Droht Europa der Anschluss?
China investiert massiv in Biopharma – während Deutschlands staatliche Förderung um 78 Prozent einbricht und Patente schwinden.

Ein staatlicher Biotechnologie-Park in Peking, Hunderte Firmen und Start-ups, Krankenhäuser direkt nebenan für klinische Tests: China baut seine Biopharma-Industrie mit enormem Tempo aus. Biopharma bezeichnet Medikamente, die mithilfe biotechnologischer Verfahren entwickelt werden – und diese Schlüsseltechnologie hat die kommunistische Staatsführung explizit in ihren jüngsten Fünfjahresplan aufgenommen. Biotechnologie gilt damit als Bereich der Nationalen Sicherheit.
Davon profitieren bereits konkrete Unternehmen. Das in Peking ansässige Pharmaunternehmen Innocare etwa verkaufte im vergangenen Jahr Lizenzrechte für einen Autoimmunwirkstoff an ein US-amerikanisches Unternehmen. Unternehmenssprecher Lu Chunhua lobt die Rahmenbedingungen: „Nehmen wir die staatliche Förderpolitik, die Regeln zur Zulassung von Arzneimitteln – es ist ein guter Wandel. Viele im Ausland lebende Chinesen kehren nach China zurück und starten in der Biotech-Branche."
Kostenvorteil und staatliche Lenkungsfonds
Der Aufstieg Chinas in der Biotechnologie ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter staatlicher Steuerung. Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik verweist auf sogenannte staatliche Lenkungsfonds, mit denen Start-ups gezielt finanziell gefördert werden. Sein Fazit: Die EU drohe den Anschluss zu verlieren.
Alexander Brown, Analyst beim Berliner China-Forschungsinstitut MERICS, untermauert das mit konkreten Zahlen. Klinische Studien seien in China rund 30 Prozent günstiger als in europäischen Ländern – dank großer Krankenhäuser und leichter Patientenrekrutierung. Brown erklärt: „China hat umfangreiche Mittel bereitgestellt, um Unternehmen in diesem Bereich aufzubauen und Skaleneffekte zu erzielen. Das bedeutet, dass Forscher schneller und kostengünstiger Zugang zu den benötigten Schlüsselmaterialien erhalten."
Heute meldet die chinesische Industrie mehr Biotechnologie-Patente an als die europäische Konkurrenz. Rund ein Drittel aller neu entwickelten, innovativen Medikamente kommt mittlerweile aus China. Michael Laha bringt das auf den Punkt: „Vor fünf Jahren war China kaum von Bedeutung."
Deutschland verliert Boden – Förderung bricht ein
Während China aufrüstet, läuft es in Deutschland in die entgegengesetzte Richtung. Die staatliche und finanzielle Unterstützung für Biotechnologie ist laut Brown im vergangenen Jahr um rund 78 Prozent eingebrochen. Hinzu kommt: Über die letzten zwei Jahrzehnte ist die Zahl der deutschen Patente im Bereich Biotechnologie kontinuierlich gesunken. In Deutschland spielt hauptsächlich privates Wagniskapital eine Rolle – staatliche Impulse fehlen weitgehend.
Globale Pharmariesen wie Merck, Pfizer und Bayer reagieren auf den Wandel und sichern sich Lizenzen für neue Wirkstoffe – etwa gegen Krebs – aus China. Bayer investiert unter anderem in ein Innovationszentrum in Shanghai und arbeitet gezielt mit chinesischen Start-ups zusammen. Friedemann Janus, Leiter der regionalen Geschäftsentwicklung bei Bayer, erklärt: „Von der Hinsicht können wir einiges lernen von China, wie man schnell, kostengünstig hochqualitative Ergebnisse in Forschung und Entwicklung macht."
Strategische Abhängigkeit als Risiko
Doch die chinesische Schnelligkeit bereitet manchen Beobachtern auch Sorgen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt vor dem Risiko strategischer Abhängigkeiten – konkret: Druck aus Peking durch Verzögerungen bei Genehmigungen, Lieferbeschränkungen oder gesperrte Datenzugänge.
Das Szenario ist nicht abstrakt. In anderen Wirtschaftsbereichen hat China bereits ein Quasi-Monopol aufgebaut – etwa bei Seltenen Erden, die für Hochtechnologie benötigt werden und die Peking im Handelsstreit mit den USA als Druckmittel einsetzt. Die Frage, die Experten umtreibt: Was passiert, wenn dasselbe mit überlebenswichtigen Pharma-Wirkstoffen geschieht?
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Zur AktienanalyseNoch ist China auf westliche Pharmamärkte angewiesen, um seine Medikamente international zu vertreiben. Doch das kann sich ändern. MERICS-Analyst Brown fordert deshalb politisches Handeln: „Es ist wichtig, eine übermäßige Konzentration in den Händen chinesischer Akteure zu vermeiden, um ein gewisses Maß an Diversifizierung zu gewährleisten und die Widerstandsfähigkeit der europäischen Biotech-Lieferketten zu stärken."
Europa muss selbst wieder investieren
Michael Laha beschreibt einen grundlegenden Strukturwandel: „Bislang wurde in Deutschland und in Europa Wissen produziert, und der Absatzmarkt war in China. Mittlerweile kann sich das wandeln. Das Wissen wird hauptsächlich in China produziert, und für dieses neue Wissen werden europäische oder amerikanische Märkte erfasst."
Sein Appell ist klar: Deutschland müsse sicherstellen, dass Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung auch hierzulande wirtschaftlich genutzt werden – „dass neues Wissen also nicht nur entsteht, sondern auch in Deutschland kommerzialisiert wird." Für Privatanleger, die in den Biotech-Sektor investieren, ist die Botschaft eindeutig: Die geopolitische Dimension dieser Industrie wächst – und damit auch das Risiko einseitiger Abhängigkeiten.


