Chinas Autobauer suchen ihren „Yaris-Moment" für Auslandsmärkte
BYD, Chery und Co. entwickeln Fahrzeuge erstmals gezielt für europäische Käufer – und verdoppeln bereits ihren Marktanteil.

Chinas Automobilhersteller verändern ihre Exportstrategie grundlegend. Statt chinesisch konzipierte Fahrzeuge mit minimalen Anpassungen ins Ausland zu verkaufen, entwickeln BYD, Chery, Changan, MG und Hongqi nun Modelle von Grund auf für ausländische Märkte. Treiber dieser Entwicklung sind sowohl der massive Margendruck im Heimatmarkt als auch die attraktiven Wachstumschancen im Ausland.
Der chinesische Inlandsmarkt steckt seit Jahren in einem zermürbenden Preiskrieg. Mehr als 100 Hersteller kämpfen um Marktanteile, Gewinne sind für viele kaum zu erzielen. In westlichen Märkten wie Europa hingegen können chinesische Hersteller ihre Fahrzeuge oft zum doppelten Preis des Heimatmarktes verkaufen – und etablierte Konkurrenten dennoch unterbieten. Analysten prognostizieren eine Konsolidierung, die die Branche deutlich ausdünnen wird.
Gartner-Analyst Pedro Pacheco bezeichnet das neue Designbestreben der chinesischen Hersteller als deren „Yaris-Moment". Er bezieht sich dabei auf Toyotas Schrägheckmodell Yaris, das 1999 speziell für europäische Käufer entwickelt wurde und dem japanischen Konzern half, auf dem Kontinent dauerhaft Fuß zu fassen. Genau diesen Durchbruch streben Chinas Autobauer nun an.
Konkrete Modelle für Europa und andere Märkte
BYDs Schrägheckmodell Dolphin G wurde speziell für Europa entwickelt und kommt im Juni auf den Markt. BYD-Vizechefin Stella Li betonte die strategische Bedeutung des Modells: „Wenn wir in diesem Sektor nicht das richtige Auto haben, verlieren wir." Schräghecklimousinen machen in Teilen Südeuropas mehr als 40 % der Neuwagenverkäufe aus – ein Segment, das in China kaum existiert. BYD hat Investoren mitgeteilt, dass bis 2030 die Hälfte des Absatzes aus dem Ausland kommen soll.
Auf der Beijing Auto Show Ende April enthüllte Hongqi ein kleines „globales SUV", das für den Verkauf in 80 Ländern vorgesehen ist. Designchef Giles Taylor erklärte gegenüber Reuters, das Fahrzeug sei primär für städtische europäische Käufer entworfen worden: „Das ist der Grund, warum dieses Auto existiert." Auch Chery, Chinas größter Fahrzeugexporteur, arbeitet mit seiner neuen internationalen Marke Lepas an einem europäischen Schrägheckmodell. Designchef Ivan Dulanovic sagte: „Wir haben einen Bedarf im Markt erkannt, und wir gehen diesen an."
MG von SAIC plant ebenfalls ein Schrägheckmodell namens MG2 für Europa, wo die Verbraucher laut Designchef Jozef Kaban „keine riesigen Autos mögen". Changan entwickelt eine Reihe von Schrägheckmodellen, kompakten SUVs und Pickups für Europa und andere Märkte, deren Markteinführung ab Ende 2027 erwartet wird. Designchef Klaus Zyciora kommentierte: „Der Wettbewerb ist so hart und die Investitionen sind sehr hoch. Man muss also sicherstellen, dass man genügend Skaleneffekte erzielt."
Marktanteile steigen – aber der Druck wächst
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Zur AktienanalyseDie bisherigen Exporterfolge sind beachtlich. In Großbritannien verdoppelten chinesische Marken ihren Marktanteil im ersten Quartal auf 14,2 %. In ganz Europa stieg ihr Anteil im vergangenen Jahr von 3,5 % auf rund 6 %, wie das Beratungsunternehmen Inovev berichtet. Diese Überkapazitäten im Heimatmarkt haben bereits dazu beigetragen, dass China im Jahr 2024 Japan überholt hat und zum weltweit größten Fahrzeugexporteur aufgestiegen ist.
Doch das schnelle Wachstum droht ins Stocken zu geraten, wenn es weiterhin stark von Fahrzeugen abhängt, die primär für den chinesischen Geschmack konzipiert wurden. Alfonso Albaisa, Senior Vice President für globales Design bei Nissan, beschreibt den Unterschied: „In China ist man sehr experimentierfreudig mit Farben und Materialien." Nissans N7 EV in China bietet etwa ein „rosa-mauvefarbenes" Interieur – Optionen, die anderswo kaum Anklang finden würden. Zudem ist der durchschnittliche chinesische Autokäufer deutlich jünger als Verbraucher in Europa oder den USA, was Designentscheidungen und Sonderausstattungen maßgeblich prägt.
Phil Dunne, Managing Director bei Grant Thornton Stax, bringt die Herausforderung auf den Punkt: „Nur über den Preis zu konkurrieren, funktioniert beim ersten Mal. Aber die Europäer schlagen bei den Kosten zurück." Die chinesischen Hersteller müssten die nächste Stufe erreichen und Autos in Europa für Europäer entwerfen. Dan Hearsch von AlixPartners ergänzt, global relevante Modelle seien der „Heilige Gral für Automobilhersteller", da Skaleneffekte die Margen erhöhen. Die Botschaft ist klar: Wer langfristig im Ausland bestehen will, muss lokale Märkte wirklich verstehen – und nicht nur bedienen.


