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Chemie-Tarifrunde: Branche zwischen Krise und Boom gespalten

Die Tarifverhandlungen für 600.000 Beschäftigte in der Chemie- und Pharmabranche gestalten sich schwierig. Während Unternehmen wie Ineos Werke schließen, investiert Sanofi Milliarden in neue Produktionsstätten. Die Arbeitgeber fordern eine Nullrunde, die

Chemie-Tarifrunde: Branche zwischen Krise und Boom gespalten

In der deutschen Chemie- und Pharmabranche prallen derzeit Welten aufeinander. Seit vergangener Woche verhandeln Arbeitgeber und die Gewerkschaft IG BCE über einen neuen Tarifvertrag für fast 600.000 Beschäftigte. Die Ausgangslage könnte kaum komplexer sein: Während einige Konzerne expandieren und Rekordinvestitionen tätigen, kämpfen andere ums Überleben.

Ineos und die Krise der Grundstoffchemie

Besonders dramatisch zeigt sich die Lage bei Ineos, einem Produzenten chemischer Grundstoffe für Automobilbau und Energietechnik. Am größten deutschen Standort in Köln mit rund 2.000 Mitarbeitern wurden kürzlich zwei Produktionsanlagen stillgelegt. In Rheinberg fällt ein Drittel der Produktion weg, in Gladbeck wird 2027 ein komplettes Werk geschlossen. Die energieintensive Produktion macht dem Unternehmen schwer zu schaffen.

Strukturkrise trifft die gesamte Branche

Die Chemiebranche steckt in einer tiefgreifenden Strukturkrise. Das Produktionsniveau liegt aktuell 20 Prozent unter dem Wert von 2018. Matthias Bürk vom Bundesverband Chemie Arbeitgeber berichtet von Anlagenschließungen, Insolvenzen und Personalabbau. Die Ursache: Deutsche Hersteller verlieren im globalen Wettbewerb gegen Konkurrenten aus den USA und Asien.

Energiekosten als Wettbewerbsnachteil

Die Stromkosten in Deutschland liegen etwa doppelt so hoch wie in den Vereinigten Staaten. Bei Erdgas sieht die Situation ähnlich aus. Zusätzlich belasten steigende CO2-Zertifikatskosten die Bilanz: Allein 2024 stiegen diese für die chemische Industrie um rund 200 Millionen Euro. Diese Kostenfaktoren machen deutsche Produkte auf dem Weltmarkt deutlich teurer.

Gewerkschaft fordert Inflationsausgleich

Trotz der schwierigen Lage lehnt die IG BCE eine Nullrunde ab. Verhandlungsführer Oliver Heinrich fordert "Aufbruchstimmung" im Tarifergebnis. Die Beschäftigten erleben bereits seit Jahren Lohnsteigerungen unterhalb der Inflationsrate. Einen weiteren Reallohnverlust will die Gewerkschaft nicht akzeptieren, zumal die Löhne in den USA deutlich stärker gestiegen sind.

Arbeitskosten im internationalen Vergleich

Die Arbeitgeber verweisen auf höhere Gesamtkosten: Eine Arbeitsstunde kostet in Deutschland rund 65 Euro, in den USA nur 54 Euro. Verantwortlich sind kürzere Arbeitszeiten und höhere Sozialabgaben. Doch DIW-Chef Marcel Fratzscher widerspricht: In der chemischen Industrie seien Lohnkosten im Vergleich zu Energiekosten nur ein kleiner Faktor. Ein Verzicht auf Lohnerhöhungen würde die Wettbewerbsfähigkeit nicht verbessern.

Pharma boomt: Sanofi investiert Milliarden

Nicht alle Unternehmen der Branche leiden. In Frankfurt-Höchst investiert Sanofi 1,3 Milliarden Euro in die modernste Insulin-Produktion weltweit. Die Pharma-Sparte der Chemieindustrie verzeichnet solide Gewinne. Auch der Medizintechnik-Hersteller B. Braun aus Melsungen eröffnete im Oktober ein neues Werk – mitten in der Energiekrise.

Flexible Lösungen gefordert

Fratzscher hält es für falsch, dass alle 585.000 Beschäftigten wegen einzelner Krisenunternehmen auf Lohnerhöhungen verzichten sollen. Die Gewerkschaft schlägt vor, in gut laufenden Betrieben höhere Vergütungen festzuschreiben, während krisengeplagte Firmen Ausnahmeregelungen nutzen können. Solche Härtefallklauseln existieren bereits in bisherigen Tarifverträgen.

Arbeitgeber bleiben hart

Die Arbeitgeber weisen diese Differenzierung zurück. Auch die Pharmaindustrie sehe sich durch globale Zölle und internationalen Wettbewerb unter Druck. Man dürfe den Erfolg nicht durch höhere Lohnabschlüsse gefährden, so Bürk. Eine mehrjährige Vereinbarung mit Inflationsausgleich könnte laut Fratzscher jedoch für beide Seiten durch Planbarkeit attraktiv sein.

Ausblick: Schwierige Verhandlungen

Historisch verliefen Tarifverhandlungen in der Chemiebranche meist friedlich und einvernehmlich. Diesmal dürfte es länger dauern: Die Interessenlagen zwischen kriselnden Grundstoffherstellern und boomenden Pharmakonzernen sind zu unterschiedlich. Eine schnelle Einigung gilt als unwahrscheinlich.

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