Bürokratie kostet Delo 800.000 Euro – Chefin fordert Moratorium
Delo-Chefin Sabine Herold rechnet mit dem Regulierungswahn ab: 42 Beauftragte, 400 Mitarbeiter, absurde Pflichten.

Ende März versammelte der Chemieverband VCI Firmenbosse und Politiker zum Parlamentarischen Abend im Berliner Hotel Adlon. Die Stimmung war angespannt – und das aus gutem Grund. Neben hohen Energiekosten und Standortfragen dominierte ein Dauerthema die Diskussion: die erdrückende Bürokratielast, die deutschen Unternehmen Jahr für Jahr Millionen kostet und ihre Wettbewerbsfähigkeit untergräbt.
Sabine Herold, Chefin des bayerischen Klebstoffherstellers Delo aus Windach, nutzte das Podium für eine klare Ansage. „An Bürokratieabbau denke ich schon lange nicht mehr", sagte sie und forderte die anwesenden Politiker – darunter Kanzleramtsminister Thorsten Frei und Umweltminister Carsten Schneider – auf, in Sachen Regulierung „einfach mal die Luft anzuhalten". Ihr Vorschlag: ein Moratorium von zwei Jahren, in denen keine neuen Vorschriften erlassen werden. Der Applaus im Saal war riesig.
42 Beauftragte, 400 Mitarbeiter – die Bürokratie-Bilanz bei Delo
Um das Ausmaß der regulatorischen Last in ihrem Unternehmen zu dokumentieren, ließ Herold Ende 2024 eine interne Liste aller Beauftragten erstellen. Die Aufgabe entpuppte sich als deutlich komplexer als erwartet. „Bis die Liste fertig war, haben wir über ein Jahr gebraucht", berichtet Herold. Das Ergebnis: 42 Beauftragte und mehr als 400 Mitarbeiter, die entsprechende Pflichtpositionen bekleiden – vom Leiterbeauftragten über den Datenschutzbeauftragten bis hin zum Regalbeauftragten, Menschenrechtsbeauftragten und sogar einer Infektionsschutzbeauftragten.
Die Kosten für diese internen und externen Beauftragten belaufen sich auf rund 800.000 Euro pro Jahr. Delo erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von rund 245 Millionen Euro. Die Bürokratiekosten fressen damit einen spürbaren Anteil des Ergebnisses auf – Geld, das andernfalls in Forschung, Entwicklung oder Personal fließen könnte.
Besonders absurd erscheinen Herold einige der konkreten Pflichten. So müssen Mitarbeiter mit Dienstwagen jährlich eine sogenannte Fahrunterweisung absolvieren – inklusive des Hinweises, bei Dunkelheit das Licht einzuschalten und nicht betrunken zu fahren. Zudem müssen Unternehmen den Führerschein ihrer Dienstwagennutzer selbst kontrollieren, obwohl der Staat diesen als gültige Fahrerlaubnis anerkennt.
Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz: Fragen nach Kinderarbeit und sauberem Wasser
Auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sorgt bei Herold für Kopfschütteln. Kunden schicken Fragebögen, in denen sie wissen möchten, ob Delo-Mitarbeiter Zugang zu sanitären Anlagen und sauberem Wasser haben – oder ob das Unternehmen Kinder beschäftigt. „Unsere Kunden müssen uns fragen, ob es bei uns Kinderarbeit gibt", bringt Herold die Absurdität auf den Punkt. Für ein Unternehmen in der Europäischen Union seien das selbstverständliche Standards, ein eigener Menschenrechtsbeauftragter daher aus ihrer Sicht nicht sinnvoll.
Herold kritisiert dabei nicht Regulierung an sich. Ein „Grundrauschen" an Vorschriften sei in Ordnung, etwa beim Brandschutz. Das Problem sei die schiere Masse: „Wir haben mittlerweile tausende Hürden für die Wirtschaft – im Steuerrecht, in der Buchhaltung, im Arbeitswesen." Die Folge sei eine Kultur der Verantwortungslosigkeit, in der immer weitere Regeln aufgeschichtet werden, nur um im Zweifelsfall die Schuldfrage zu klären.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDigitalisierung allein löst das Problem nicht
Die jüngsten Entlastungsmaßnahmen der Politik – reduzierte Aufbewahrungspflichten und die Möglichkeit zur digitalen Archivierung – lässt Herold weitgehend kalt. Bei Delo sei längst alles digitalisiert, Speicherplatz koste praktisch nichts. Was sie hingegen weiterhin ärgert: Zahlreiche Prozesse und Anträge erfordern nach wie vor die Schriftform auf Papier.
Die Regierung Merz hat einen „Herbst der Reformen" angekündigt und Bürokratieabbau versprochen. Herolds Wunsch bleibt dennoch bescheiden: keine neuen Vorschriften für zwei bis drei Jahre. Selbst das, so ihre ernüchterte Einschätzung, sei wohl kaum zu erwarten.


