Burnhams Wirtschaftspolitik: Diese Lektionen muss Großbritannien jetzt lernen
Ein führender Ökonom analysiert, was eine künftige Regierung unter Andy Burnham in der Wirtschaftspolitik besser machen muss.

Ein renommierter Wirtschaftsexperte fordert von einer künftigen britischen Regierung unter Andy Burnham einen grundlegend neuen wirtschaftspolitischen Ansatz. Der Autor, Rene M. Kern Professor für Managementpraxis an der Wharton School, Chef-Wirtschaftsberater bei Allianz und Vorsitzender von Gramercy Funds Management, analysiert in der Financial Times das Gute, das Schlechte und das Hässliche der britischen Wirtschaftspolitik der vergangenen zwei Jahre – und zieht klare Schlussfolgerungen für die Zukunft.
Im Mittelpunkt seiner Kritik steht eine strukturelle Schwäche des britischen Finanzministeriums: die Tendenz, komplexe wirtschaftliche Herausforderungen auf bloße Haushaltsarithmetik zu reduzieren. „Die Reduzierung der nationalen Politik auf kurzfristige Tabellenkalkulationen kann nur zu leicht die Notwendigkeit einer umfassenderen, dynamischen Vision der Wirtschaft verschleiern, die Produktivität und Wachstum vorantreibt", schreibt der Autor. Entscheidende Kapitalinvestitionen seien zu oft depriorisiert worden, weil ihre langfristigen Renditen nicht in ein starres, kurzfristiges fiskalisches Zeitfenster passten.
Das Gute bewahren: Wachstum und Haushaltsdisziplin als zwei Seiten einer Medaille
Als ersten Schritt empfiehlt der Experte dem künftigen Schatzkanzler – voraussichtlich die derzeitige Innenministerin Shabana Mahmood – das Positive der jüngeren Vergangenheit zu schützen. Dazu zählt er das Bekenntnis zur Wachstumssteigerung ebenso wie die fiskalische Verantwortung. Beide Ziele seien keine Konkurrenten, sondern untrennbar miteinander verbunden und würden sich gegenseitig verstärken.
Der Autor betont: Fiskalische Stabilität sei zwar nicht alles, aber ohne sie habe man sehr wenig. Gerade in einer Welt, die anfällig für häufigere und heftigere wirtschaftliche Schocks sei, stärke fiskalische Verantwortung die Widerstandsfähigkeit der britischen Wirtschaft. Ein klarerer Fokus auf Wachstum würde zudem helfen, Stärken des Vereinigten Königreichs in Bereichen wie Biowissenschaften, fortschrittliche Fertigung, Technologie und grüne Technologien auszubauen. Nicht zuletzt könne ein überzeugtes Bekenntnis zu beiden Zielen die Unterstützung des Anleihemarktes sichern – angesichts der britischen Schuldendynamik keine Kleinigkeit.
Das Schlechte korrigieren: Die Umsetzungslücke schließen
Als zentrales Problem der jüngsten Wirtschaftspolitik identifiziert der Experte die klaffende Lücke zwischen politischen Absichten und deren tatsächlicher Umsetzung. Zu oft habe die Implementierung den Ambitionen hinterhergehinkt, ebenso wie die konsistente Kommunikation über das Was, Wann und Wie. Ohne eine glaubwürdige Umsetzungsbilanz werde es der Regierung nicht gelingen, die massiven privaten Kapitalmengen anzuziehen, die für eine nationale Erneuerung erforderlich seien.
Darüber hinaus warnt der Autor: Ein Mangel an konsequenter inländischer Umsetzung werde auch die Bereitschaft anderer Volkswirtschaften – einschließlich Europas – verringern, sich tiefer und strategischer mit dem Vereinigten Königreich auseinanderzusetzen. Für Deutschland und die EU ist dies von besonderer Relevanz, da Großbritannien trotz Brexit ein wichtiger Wirtschaftspartner bleibt.
Das Hässliche angehen: Bürokratische Strukturen reformieren
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Zur AktienanalyseHinter der mangelhaften Umsetzung steckt laut dem Autor ein strukturelles Problem: die bürokratische Ausrichtung des Finanzministeriums. Diese institutionelle Voreingenommenheit sei verständlich, insbesondere im Schatten der Krise um die kurzlebige Regierung von Liz Truss – aber auch schädlich.
Als Lösung schlägt der Experte keine Aufspaltung des Finanzministeriums in zwei separate Abteilungen vor. Eine solche Trennung würde das Risiko bürokratischer Lähmung und Kompetenzstreitigkeiten bergen – genau dann, wenn Agilität gefragt sei. Stattdessen plädiert er für eine vom Premierminister getragene Reorganisation, die die Mandate für Wachstum und Produktivität innerhalb des Finanzministeriums auf eine gleichberechtigte und integrierte Ebene neben den traditionellen Buchhaltungsfunktionen hebt.
Die Dringlichkeit dieser Reformen unterstreicht der Autor mit einem Blick auf das globale Umfeld: Die Weltwirtschaft verändere sich durch die zunehmende Instrumentalisierung des Handels und internationaler Zahlungssysteme, die Einführung von Industriepolitiken durch Großmächte, unsichere Lieferketten und das zweiseitige Potenzial transformativer technologischer Innovationen. Für Großbritannien bedeute Stillstand, sich in ein immer tieferes Loch zu graben: steigende Kreditkosten, schwächeres Wirtschaftswachstum und zunehmende Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und Chancen.


