Britische Investoren ignorieren lukrative Chancen außerhalb Londons
Wachstumsstarke Unternehmen in den britischen Regionen erhalten kaum Eigenkapital – ein Problem für Investoren und die Wirtschaft.

London dominiert die britische Eigenkapitalfinanzierung auf dramatische Weise. Laut der British Business Bank (BBB), der staatlichen britischen Förderbank, sammelten in der Hauptstadt ansässige Unternehmen im Jahr 2024 insgesamt 6,6 Milliarden Britische Pfund an Eigenkapital ein – mehr als der gesamte Rest des Vereinigten Königreichs zusammen. Der Osten Englands, zu dem ein gut entwickeltes Cluster aus Life-Sciences- und Technologieunternehmen rund um Cambridge gehört, belegte mit 980 Millionen Britischen Pfund einen weit abgeschlagenen zweiten Platz.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dies sei zwar politisch unbequem, für Investoren aber kein echtes Problem. Zieht London nicht naturgemäß die ehrgeizigsten Gründer und damit die vielversprechendsten Unternehmen an? Die Daten zeigen jedoch ein anderes Bild.
Massive Ungleichgewichte auch bei wachstumsstarken Firmen
Setzt man das eingesammelte Kapital ins Verhältnis zur Anzahl der schnell wachsenden Unternehmen in jeder Region, bleibt die Schieflage eklatant. Im Durchschnitt zwischen 2022 und 2024 sammelten Londoner Unternehmen 289 Millionen Britische Pfund pro 100 wachstumsstarke Firmen ein. Im Osten Englands waren es 104 Millionen Britische Pfund pro 100 – und in den East Midlands lediglich 13 Millionen Britische Pfund pro 100.
Eine separate Analyse des Beratungsunternehmens Oliver Wyman aus dem Jahr 2024 untermauert diesen Befund. Demnach war der Anteil wachstumsstarker Unternehmen in den einzelnen Regionen landesweit „relativ konsistent" und wies „kaum Korrelation mit Eigenkapitalinvestitionen" auf. Das bedeutet: Nicht ein Mangel an geeigneten Unternehmen erklärt die regionale Lücke, sondern ein Mangel an Investoren vor Ort.
Für die Gesamtwirtschaft ist das folgenreich. Zwar sind die Unternehmen, die bei der Eigenkapitalfinanzierung leer ausgehen, zahlenmäßig gering. Für das Wirtschaftswachstum sind sie jedoch von überproportionaler Bedeutung. Während die meisten kleinen Betriebe mit Bankkrediten auskommen, brauchen gut positionierte mittelständische Unternehmen Eigenkapital, um den Sprung zum Großunternehmen zu schaffen.
Zu wenige Venture-Capital-Büros außerhalb der Hauptstadt
Ein zentrales strukturelles Problem ist die geografische Konzentration der Investoren selbst. Laut BBB entfallen in London 45 Venture-Capital-Büros auf je 100 wachstumsstarke Unternehmen. Im Rest des Vereinigten Königreichs sind es gerade einmal fünf pro 100. Das ist besonders relevant, weil Eigenkapitalinvestitionen typischerweise mehr persönliche Begutachtungen und Vor-Ort-Besuche erfordern als klassische Bankkredite.
Als Beispiel gilt Cambridge: Die Stadt profitiert möglicherweise ebenso sehr von ihrer 49-minütigen Zugverbindung nach London King's Cross wie von ihrer weltweit renommierten Universität. Die Nähe zur Hauptstadt macht persönliche Investorenkontakte leichter – ein struktureller Vorteil, den andere Regionen nicht haben.
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Zur AktienanalysePolitisch versucht die britische Regierung gegenzusteuern. Jüngste Aufstockungen des BBB-Budgets sollen mehr Unternehmen den Zugang zu Finanzierungen ermöglichen und zusätzliche private Investitionen anziehen. Zwischen 2023 und 2025 war die BBB bereits an 15 Prozent der Eigenkapitalgeschäfte kleiner Unternehmen beteiligt. Zudem wird diskutiert, ob Regulierungsbehörden es Geschäftsbanken wie der Lloyds Banking Group – die über einen wenig bekannten Private-Equity-Zweig im Wert von 3 Milliarden Britischen Pfund verfügt – weniger kapitalintensiv gestalten könnten, Eigenkapitalinvestitionen zu tätigen.
Chancen für mutige Investoren
Für unternehmerisch denkende Investoren ergibt sich aus der Unterversorgung eine klare Opportunität. Wer bereit ist, sich abseits Londons zu engagieren, trifft auf deutlich weniger Wettbewerb um attraktive Unternehmen. Weniger Konkurrenz bedeutet in der Regel bessere Einstiegsbewertungen – und damit das Potenzial für höhere Renditen. Die regionale Investitionslücke ist also nicht nur ein politisches Problem, sondern auch eine Marktineffizienz, die aufmerksame Investoren zu ihrem Vorteil nutzen können.


