Britische Anleiherenditen steigen auf höchsten Stand seit 1998
Politische Turbulenzen rund um Premier Starmer treiben die Kreditkosten Großbritanniens auf Mehrjahreshöchststände – der Gilt-Markt reagiert nervös.

Die Kreditkosten der britischen Regierung sind am Dienstag auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren gestiegen. Auslöser war die Meldung, dass eine Gruppe von Labour-Abgeordneten plant, Premierminister Keir Starmer zum Rücktritt zu drängen. Gleichzeitig drohen der Regierungspartei bei den britischen Kommunalwahlen am Donnerstag massive Verluste.
Die Rendite der richtungsweisenden 10-jährigen britischen Staatsanleihe – bekannt als Gilt – stieg bis 13:45 Uhr Londoner Zeit um 12 Basispunkte auf 5,082 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 2008. Die Rendite der 30-jährigen Gilt kletterte um 11 Basispunkte auf rund 5,76 Prozent – das ist der höchste Wert seit 1998. Auch 20-jährige Gilts verzeichneten einen Anstieg von rund 14 Basispunkten und markierten damit ein 28-Jahres-Hoch. Zur Erinnerung: Anleihekurse und Renditen entwickeln sich stets in entgegengesetzte Richtungen – steigende Renditen bedeuten fallende Kurse.
Großbritannien weist bereits die höchsten staatlichen Kreditkosten innerhalb der G7-Gruppe auf. Die Renditen für 10-, 20- und 30-jährige Schuldtitel liegen allesamt über der kritischen Schwelle von 5 Prozent.
Kommunalwahlen als Stimmungstest für Starmer
Bei den Kommunalwahlen am Donnerstag werden mehr als 4.800 Kommunalvertreter gewählt. Analysten erwarten, dass die regierende Labour-Partei bis zu 2.000 Sitze verlieren könnte. Die Wählerstimmen dürften sich Berichten zufolge zugunsten der rechtsgerichteten Reform UK sowie der linksorientierten Green Party verschieben. Hinterbänkler – also Parlamentarier ohne Regierungsamt – planen, Starmer die drohenden Verluste anzulasten und ihn entweder zum Rücktritt oder zur Festlegung eines Abgangsdatums zu drängen.
Als mögliche Nachfolger gelten Gesundheitsminister Wes Streeting, die ehemalige stellvertretende Premierministerin Angela Rayner sowie der Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham. Burnham kann derzeit jedoch nicht als Premierminister kandidieren, da er keinen Sitz im Parlament innehat. Rayner und Burnham gelten allgemein als politisch linker als Starmer.
Starmer und Finanzministerin Rachel Reeves stehen bereits seit Längerem unter Druck – sowohl wegen ihrer Finanzpolitik und Sozialreformen als auch wegen der umstrittenen Ernennung von Peter Mandelson zum Botschafter in den Vereinigten Staaten.
Experten warnen vor Vertrauensverlust am Markt
Nigel Green, CEO des Finanzberatungsunternehmens deVere Group, erklärte gegenüber CNBC, dass der Gilt-Markt „einen schweren Verlust von Labour bei den Kommunalwahlen nicht ignorieren wird". „Investoren werden dies als Signal für die Führungsstärke und Haushaltsdisziplin werten, nicht nur als Politik", so Green. Besonders die Rolle von Finanzministerin Reeves stehe im Fokus: „Sie soll der Anker für die wirtschaftliche Glaubwürdigkeit sein. Wenn ihre Autorität schwindet oder politischer Druck eine weichere Haltung bei den Ausgaben erzwingt, steigen die Renditen – insbesondere am langen Ende."
Green warnte zudem, dass Großbritannien angesichts des aktuellen makroökonomischen Umfelds „nicht viel Spielraum für Fehler hat". Das Wachstum sei schwach, die Kreditaufnahme erhöht und der inflationsbedingte Druck im Energiesektor halte an. „Selbst eine kleine Delle in der Glaubwürdigkeit erzwingt eine Neubewertung", so der Experte.
Im vergangenen Juli stiegen die Gilt-Renditen bereits sprunghaft an, nachdem Berichte die Runde machten, Reeves' Rolle im Kabinett sei in Gefahr – nachdem die Regierung bei geplanten Sozialkürzungen eine Kehrtwende vollzogen hatte.
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Zur AktienanalyseErinnerungen an das Truss-Desaster sind noch frisch
Als mahnendes Beispiel gilt das sogenannte „Mini-Budget" der damaligen Premierministerin Liz Truss aus dem Jahr 2022. Ihre nicht gegenfinanzierten Steuersenkungen lösten eine schwere Krise am Gilt-Markt aus: Die Renditen schossen in die Höhe, die Bank of England musste notfallmäßig eingreifen, Pensionsfonds gerieten unter Druck und die Hypothekenzinsen stiegen stark an. Truss trat nach nur 44 Tagen im Amt zurück. Green merkte an, dass „die Erinnerungen an das Mini-Budget von Truss noch frisch sind" und es „keinen Schock dieser Größenordnung bräuchte, um die Märkte erneut zu bewegen. Eine Verschiebung der Erwartungen reicht aus."
Nicolo Bragazza, Associate Portfolio Manager bei Morningstar Wealth, bestätigte, dass politische Unsicherheit „zu einem Merkmal des britischen Staatsanleihenmarktes geworden" sei und sich in höheren Risikoprämien widerspiegle. Er riet Anlegern dennoch, sich auf langfristige Fundamentaldaten zu konzentrieren: „Die Renditen bleiben aus historischer Sicht attraktiv, die politische Unsicherheit ist bereits in den Preisen enthalten, und die Bank of England agiert umsichtig."
Chris Iggo, Chief Investment Officer für Core Investments bei BNP Paribas Asset Management in London, verwies auf die schnelle Abfolge britischer Premierminister als strukturelles Problem. Starmer ist bereits der fünfte Premierminister innerhalb von zehn Jahren. Der „Mangel an Stabilität" und an einer klaren Strategie für den fiskalischen Ausblick „schädigt die Stimmung am Gilt-Markt", so Iggo. „Ich mag Gilts. Ich denke, die Renditen sind attraktiv, aber die Volatilität ist ziemlich schwer zu ertragen", fügte er hinzu.


