Brasiliens Gehaltsabzugskredite boomen – Zahlungsausfälle steigen rasant
Lulas Kreditprogramm für Privatsektor-Arbeitnehmer wächst explosiv, doch die Ausfallraten erreichen historische Höchststände.

Brasiliens Programm für Gehaltsabzugsdarlehen verzeichnet ein außergewöhnliches Wachstum – und alarmiert gleichzeitig Ökonomen und die Zentralbank. Das ausstehende Kreditvolumen stieg in den ersten sechs Monaten des Jahres um 47,8 Prozent und über zwölf Monate sogar um 143,1 Prozent. Damit ist es die am schnellsten wachsende Kreditkategorie in Brasilien überhaupt.
Der Kreditbestand erreichte im Juni 113 Milliarden Reais (umgerechnet rund 22 Milliarden US-Dollar) und hat sich damit fast verdreifacht – und das weit früher als vom Bankenverband Febraban erwartet. Der Verband hatte ursprünglich einen Zeitraum von vier Jahren für eine solche Expansion prognostiziert. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva feierte das Programm bei seinem Start im vergangenen Jahr als „Revolution".
Neue Regeln öffnen Kreditzugang für Millionen Brasilianer
Gehaltsabzugsdarlehen – bei denen die Raten direkt vom Lohn abgezogen werden – waren in Brasilien zwar bereits zuvor verfügbar, doch der Zugang hing von individuellen Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Kreditgebern ab. Die neuen Regeln öffneten das Programm für alle formell beschäftigten Arbeitnehmer im Privatsektor, einschließlich Hausangestellter und Landarbeiter. Dies löste eine Welle neuer Kreditvergaben aus.
Das politische Ziel der Regierung war klar: günstigere Kredite für einkommensschwächere Bevölkerungsschichten bereitstellen und damit teurere Schulden ersetzen. Doch aktuelle Daten der brasilianischen Zentralbank, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, stellen dieses Argument infrage. Die Zahlen deuten darauf hin, dass das Programm vor allem neue Kreditaufnahmen generiert – und keine bestehenden, teureren Schulden ablöst.
Ausfallraten auf Rekordhoch – Zentralbank schlägt Alarm
Der Boom geht mit einer deutlichen Verschlechterung der Kreditqualität einher. Die Ausfallrate in diesem Segment kletterte im Juni auf 8,6 Prozent – den höchsten jemals für dieses Produkt verzeichneten Stand. Allein in diesem Jahr stiegen die Zahlungsausfälle im Rahmen des Programms um 3,1 Prozentpunkte. Zum Vergleich: Andere Kreditkategorien für Privatpersonen verzeichneten im Durchschnitt nur einen Anstieg von 0,5 Prozentpunkten.
Fernando Rocha, Leiter der Statistikabteilung der Zentralbank, bezeichnete sowohl die Ausweitung der Kreditvergabe als auch den Anstieg der Zahlungsverzugsquoten als „äußerst signifikant". Auf einer Pressekonferenz warnte er, dass es keine statistischen Belege dafür gebe, dass die Ausfallraten ihren Höhepunkt bereits erreicht hätten. „Das Produkt hat seit seiner Einführung sehr schnell expandiert, und bei den meisten Transaktionen scheint es sich um neue Kreditaufnahmen zu handeln", sagte Rocha.
Der Zentralbankstatistiker fügte hinzu: „Die Kreditvergabe wächst in einem Tempo, das das Einkommenswachstum übersteigen könnte, sodass es möglich ist, dass sie zur Verschuldung der privaten Haushalte beiträgt." Diese Einschätzung ist brisant – denn sie widerspricht direkt dem Narrativ der Regierung, wonach das Programm die Finanzierungskosten senken würde, ohne den Konsum oder die Inflation anzuheizen.
Rekordverschuldung der privaten Haushalte
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Zur AktienanalyseDie Gesamtlage der brasilianischen Verbraucher ist angespannt. Separate Zentralbankdaten zeigen, dass die Verschuldung der privaten Haushalte im Mai kaum zurückging – trotz eines umfassenden Schuldenneuordnungsprogramms, das Lula im selben Monat gestartet hatte. Der Anteil des Einkommens, der für den Schuldendienst aufgewendet werden muss, stieg weiter an und liegt nun bei einem Rekordwert von 28,5 Prozent.
Die Debatte findet zu einem heiklen Zeitpunkt statt. Brasilien kämpft darum, die Inflation auf den Zielwert zu senken. Obwohl die Zentralbank im März mit Zinssenkungen begann, verharrt der Leitzins Selic bei 14,25 Prozent – einer der höchsten Realzinsen unter den großen Volkswirtschaften weltweit. Ein unkontrollierter Kreditboom könnte die Bemühungen der Notenbank zur Abkühlung der Wirtschaft erheblich erschweren.
Als mögliche Gegenmaßnahme verwies Rocha auf eine neue Regierungsmaßnahme, die Ende Juni genehmigt wurde. Sie erlaubt es Kreditgebern, überfällige Kredite mit Guthaben aus dem Abfindungsfonds FGTS der Arbeitnehmer zu tilgen. Dies stelle eine erhebliche Stärkung der Garantien dar und könnte dazu beitragen, künftige Ausfälle einzudämmen. Arbeitnehmer können unter bestimmten Umständen – etwa bei Arbeitsplatzverlust – auf diese obligatorischen, vom Arbeitgeber finanzierten Fondsguthaben zugreifen.


