BP zieht sich aus der Nordsee zurück – Verkauf für Milliarden
Der britische Ölriese trennt sich nach über 60 Jahren von seinem Nordsee-Geschäft und erwartet mehr als zwei Milliarden Dollar.

Der britische Energiekonzern BP beendet eine mehr als sechs Jahrzehnte lange Geschichte in der Nordsee. Das Unternehmen stellt sein Öl- und Gasfördergeschäft in der heimischen Region zum Verkauf. Branchenkenner schätzen den möglichen Erlös auf mehr als zwei Milliarden US-Dollar.
BP-Chefin Meg O'Neill, die das Ruder erst im April übernahm, begründete den Schritt mit einer strategischen Neuausrichtung des Konzernportfolios. „Da wir unser Portfolio fokussieren und Kapital in unsere renditestärksten Projekte lenken, glauben wir, dass unser Nordsee-Geschäft als Teil eines anderen Unternehmens besser aufgestellt sein wird", erklärte sie. BP betreibt in der Region fünf große Förderzentren und beschäftigt dort rund 1.100 Mitarbeiter, die vom Verkauf direkt betroffen sind.
Hohe Kosten machen Nordsee unattraktiv
Mit diesem Schritt reiht sich BP in eine Bewegung ein, die bereits andere Ölmajore vollzogen haben. ExxonMobil, Chevron, Shell und TotalEnergies haben ihr Engagement in der britischen Nordsee in den vergangenen Jahren ebenfalls deutlich zurückgefahren. Der Grund liegt auf der Hand: Das Fördergebiet ist zunehmend erschöpft, die Produktionsmengen sinken – und die Kosten steigen.
Das Analysehaus Rystad Energy beziffert die Betriebskosten in der britischen Nordsee für das Jahr 2026 auf durchschnittlich 25,20 Dollar pro Barrel Öläquivalent. Der weltweite Durchschnitt liegt mit lediglich 10,60 Dollar pro Barrel deutlich darunter. Diese Kostenschere macht das Engagement für internationale Konzerne wirtschaftlich immer schwerer zu rechtfertigen.
Im vergangenen Jahr entfielen rund fünf Prozent der weltweiten BP-Förderung auf die britische Nordsee – ein vergleichsweise kleiner, aber nicht unbedeutender Anteil. Der Zeitpunkt des Verkaufs gilt in der Branche als günstig: Die hohen Öl- und Gaspreise infolge des Iran-Kriegs dürften das Interesse potenzieller Käufer ankurbeln.
Mehrere Interessenten bereits im Blick
Als wahrscheinlichste Käufer gelten Unternehmen, die bereits in der Region aktiv sind. Rystad Energy nennt konkret Ithaca Energy, das Joint Venture Neo Next+ mit TotalEnergies-Beteiligung sowie Adura, ein Gemeinschaftsunternehmen von Shell und der norwegischen Equinor. Rückenwind kommt auch von politischer Seite: Der britische Premierminister Andy Burnham kündigte kurz vor der BP-Ankündigung einen pragmatischeren Umgang mit der Erschließung von Nordsee-Ressourcen an. Die Labour-Partei hat ihr ursprüngliches Wahlversprechen, keine neuen Förderlizenzen mehr zu vergeben, inzwischen merklich abgeschwächt.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseStrategische Kehrtwende unter neuer Führung
O'Neill treibt seit ihrem Amtsantritt einen klaren Kurswechsel voran: Schuldenabbau hat Priorität, das klassische Öl- und Gasgeschäft rückt wieder in den Mittelpunkt – auf Kosten der Investitionen in erneuerbare Energien. Noch in diesem Monat wurde die Konzernstruktur von drei auf zwei Sparten verschlankt. Einem internen Schreiben zufolge plant BP zudem den Abbau von 700 weiteren Arbeitsplätzen.
Für Privatanleger, die BP-Aktien im Depot halten, ist der Nordsee-Rückzug ein klares Signal: Der Konzern setzt auf Kapitaleffizienz und Rendite statt auf Wachstum um jeden Preis. Ob der Verkaufserlös von über zwei Milliarden Dollar die Bilanz spürbar entlastet und den Aktienkurs stützt, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen.


