Boykottaufrufe gegen VW und Audi in der Türkei
Hintergrund, Auslöser und wirtschaftliche Spaltung als Ursache der Proteste

Mehr als zwei Millionen Menschen versammelten sich am vergangenen Wochenende in Istanbul, um gegen die Inhaftierung des Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu zu demonstrieren. Es war die größte Protestbewegung seit den Gezi-Protesten im Jahr 2013. İmamoğlu, dem Korruption vorgeworfen wird, gilt als einer der aussichtsreichsten Herausforderer von Präsident Recep Tayyip Erdogan bei den Präsidentschaftswahlen 2028. Der Vorsitzende der oppositionellen CHP, Özgür Özel, forderte den regierungsnahen Fernsehsender NTV dazu auf, die Demonstrationen zu übertragen, andernfalls werde ein Boykott ausgerufen. Kurz darauf kursierten in den sozialen Medien Aufrufe, Unternehmen zu boykottieren, die als Erdogan-freundlich gelten oder mit NTV zusammenarbeiten.
Auf den Boykottlisten finden sich nicht nur bekannte türkische Marken wie Espressolab und D&R, sondern auch deutsche Unternehmen wie Volkswagen und Audi. Der Hintergrund liegt in der engen Verbindung dieser Marken zur Doğuş-Holding, die in der Türkei als Vertriebspartner für die Volkswagen-Gruppe fungiert. Über die Tochtergesellschaft Doğuş Otomotiv vertreibt Doğuş seit 1994 Fahrzeuge von Volkswagen, Audi, Porsche, Bentley, Lamborghini, Seat und Škoda. Die Holding ist Mitglied im Unternehmerverband TÜSIAD, gilt jedoch gleichzeitig als regierungstreu. Ihr Vorsitzender Ferit Şahenk pflegt enge Beziehungen zu den AKP-Eliten und wird von Erdogan-Gegnern kritisiert, weil Doğuş mit dem Fernsehsender NTV zur Gleichschaltung der Medienlandschaft beigetragen haben soll.
Die Spaltung der türkischen Gesellschaft spiegelt sich auch in der Wirtschaft wider. Vor Erdogans Amtsantritt 2001 dominierten vor allem säkulare Unternehmen, darunter die großen Holdings Koc und Sabanci, die Industrie, den Bankensektor und den Handel. Sie unterhalten traditionell enge Beziehungen zu Europa und den internationalen Märkten. Im Gegensatz dazu wuchs in den 1990er-Jahren eine mittelständisch geprägte Unternehmerklasse aus dem anatolischen Hochland heran. Diese meist religiös orientierten Betriebe bilden seither das wirtschaftliche Rückgrat der AKP und orientieren sich stärker an Märkten im Nahen Osten und in Afrika.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseEinen Ausdruck dieser wirtschaftlichen Spaltung bilden die beiden Unternehmerverbände TÜSIAD und MÜSIAD. TÜSIAD vertritt überwiegend säkulare Großunternehmen, während MÜSIAD als Interessenvertretung der AKP-nahen Mittelständler gilt. Die Regierung geht seit Jahren verstärkt gegen TÜSIAD vor. Ende Februar wurde dessen Vorsitzender unter dem Vorwurf festgenommen, sich politisch einzumischen. Der Machtkampf zwischen den beiden Wirtschaftslagern prägt auch die aktuellen Boykottaufrufe.


