BOJ-Experte: Japan könnte im Dezember zur aktiven Inflationsbekämpfung wechseln
Renommierter Preisexperte Tsutomu Watanabe erwartet einen Kurswechsel der Bank of Japan hin zu aggressiveren Zinserhöhungen bereits im Dezember.

Die Bank of Japan (BOJ) könnte schon im Dezember von einer tolerierenden Haltung gegenüber Inflation zu einer aktiven Inflationsbekämpfung übergehen. Das prognostiziert Tsutomu Watanabe, ehemaliger Zentralbankbeamter und emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Universität Tokio. Ein solcher Strategiewechsel würde eine deutliche Beschleunigung der Zinserhöhungen bedeuten.
Watanabe, der engen Kontakt zu amtierenden politischen Entscheidungsträgern pflegt, sieht Japan derzeit in einer dritten Inflationswelle. Die erste wurde durch den Ukraine-Krieg ausgelöst, die zweite durch inländische Lohnsteigerungen und steigende Reiskosten. Die aktuelle, dritte Welle geht laut Watanabe auf den Nahostkonflikt zurück und dürfte moderater ausfallen als die vorangegangenen.
Die Verbraucherinflation ohne frische Lebensmittel und Treibstoffe werde um März nächsten Jahres bei etwa 3 % ihren Höhepunkt erreichen, bevor sie sich dem BOJ-Ziel von 2 % annähere, so der Experte. Entscheidender sei jedoch die zugrunde liegende Inflation: „Die eigentliche Sorge gilt der zugrunde liegenden Inflation, die unverkennbar steigt und nun sehr nahe bei 2 % liegt", sagte Watanabe.
Langsames Tempo der Zinserhöhungen als Risiko
Ein angespannter Arbeitsmarkt und eine Flut von Preiserhöhungen treiben laut Watanabe das Lohnwachstum und die Inflationserwartungen weiter nach oben. Dieser zunehmende Preisdruck erfordere eine Neuausrichtung des Ansatzes von BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda, der bislang Zinserhöhungen nur langsam vornimmt und Preisanstiege toleriert, um die Inflation dauerhaft bei 2 % zu verankern.
„Als die zugrunde liegende Inflation noch deutlich unter 2 % lag, lag der Fokus der BOJ darauf, den Preisdruck zu ‚pflegen', um die Inflation zu stützen. Das ist nicht mehr der Fall", betonte Watanabe. Seinen Schätzungen zufolge könnte die zugrunde liegende Inflation bis etwa Juli nächsten Jahres auf 2,2 % überschießen, falls die BOJ das aktuelle langsame Tempo beibehält.
„Das wäre ziemlich problematisch und könnte die BOJ dazu zwingen, die Zinsen später überhastet und aggressiv anzuheben – etwas, das sie definitiv vermeiden will", warnte der Experte. Ein solches Szenario würde die Glaubwürdigkeit der Notenbank weiter beschädigen.
Lohnentwicklung als entscheidender Faktor
Entscheidend für den Zeitpunkt eines möglichen Strategiewechsels seien die Lohnaussichten für das nächste Jahr. Die Unsicherheit rund um den Nahostkonflikt könnte einige Unternehmen dazu veranlassen, mit Lohnerhöhungen abzuwarten. Sollten Äußerungen von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden jedoch auf solides Lohnwachstum hindeuten, werde die BOJ bereits im Dezember in den Modus eines „Inflationsbekämpfers" wechseln.
Unter einem solchen neuen Regime würde die BOJ die Zinsen wahrscheinlich einmal pro Quartal anheben – statt wie bisher etwa zweimal pro Jahr. Das wäre eine erhebliche Verschärfung der Geldpolitik für eine Notenbank, die jahrzehntelang mit Deflation kämpfte.
Nach Jahrzehnten extrem lockerer Geldpolitik hatte die BOJ im Jahr 2024 ihre massiven Stimulierungsmaßnahmen beendet. Externe Angebotsschocks wie der Ukraine-Krieg sowie steigende Löhne hatten die Inflation über die 2-%-Marke getrieben. Die BOJ hob die Zinssätze seither mehrmals an, zuletzt im Juni. Dennoch hält ihr Leitzins von 1 % die realen Kreditkosten negativ, während die Verbraucherinflation bei etwa 2 % liegt.
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Zur AktienanalyseZweifel an der Glaubwürdigkeit der BOJ
Watanabe, der zahlreiche Bücher über Japans Preistrends verfasst hat, warnte zudem, dass der Kampf gegen die Inflation für Japan schwieriger sein könnte als für andere Länder. Da die BOJ jahrzehntelang mit Deflation beschäftigt war, fehle ihr die Erfahrung in der Inflationsbekämpfung. Dies habe zusammen mit dem langsamen Tempo der Zinserhöhungen zu Zweifeln am Markt an ihrer Entschlossenheit geführt.
„Die Märkte stellen infrage, ob die BOJ wirklich die Entschlossenheit und die Fähigkeit besitzt, die Inflation bei etwa 2 % einzudämmen. Sie muss eine klare Botschaft senden, dass sie die Geldpolitik nach anderen Regeln gestalten wird", sagte Watanabe. Sein abschließendes Fazit fällt nüchtern aus: „Der BOJ ist es gelungen, die Inflation von der Nullmarke zu lösen. Aber die Herausforderung, die Inflation wieder bei 2 % zu verankern, hat gerade erst begonnen."


