BDI: Sorgen um Rohstoff-Versorgung in Deutschland
Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten am Donnerstag über die aktuell schwierige Rohstoff-Lage

Über die Rohstoffversorgung in Deutschland diskutierten am Donnerstag auf dem Rohstoffkongress des BDI in Berlin Vertreter/innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Laut BDI hängt der Erfolg der grünen und digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft von einer zuverlässigen Versorgung mit Rohstoffen ab. Daher müsse sie strategisch für die nationale Sicherheit betrachtet werden. Doch wo steht Deutschland wirklich bei der Rohstoffversorgung?
Die Abhängigkeit Deutschlands von Energierohstoffimporten ist durch den Angriff Russlands auf die Ukraine "schmerzlich deutlich" geworden, erklärte der BDI im Vorfeld. Durch den Rückgang der russischen Lieferungen könnte im Winter ein Gasmangel drohen. Der Gasverbrauch muss daher zusätzlich zur Entwicklung erneuerbarer Energien und neuer Allianzen, z. B. im Bereich Flüssigerdgas (LNG), gesenkt werden. Laut einer heute veröffentlichten Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung müssten mindestens 30 Prozent im Vergleich zur Vorkrisenzeit eingespart werden, um Versorgungsengpässe und weitere Preissteigerungen zu vermeiden.
Laut BDI-Präsident Siegfried Russwurm ist die Abhängigkeit von wichtigen mineralischen Rohstoffen, vor allem aus China, jedoch deutlich größer als die von Erdöl und Erdgas.
"Der Wettbewerb um lebenswichtige Rohstoffe verschärft sich. Deutschland und Europa laufen Gefahr, durch die Konkurrenz anderer Nationen wichtige Rohstofflieferungen zu verlieren. Die Abhängigkeiten nehmen dadurch zu", so Russwurm. Ohne Rohstoffe wird es keine Energiewende, E-Mobilität oder Digitalisierung geben.
Generell ist Deutschland eine rohstoffreiche Nation. Baurohstoffe wie Sand und Kies, gebrochener Naturstein oder Kalkstein sowie andere Industriemetalle wie Steinsalz, Quarzsand oder Flussspat werden nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) überwiegend aus heimischen Lagerstätten gewonnen. Bei der Förderung von Braunkohle liegt Deutschland weltweit an zweiter Stelle, bei der Förderung von Rohkaolin an dritter Stelle, bei der Förderung von Steinsalz an vierter Stelle und bei der Förderung von Kalisalz an fünfter Stelle im Jahr 2019.
Andererseits ist das Land bei einer Reihe von Rohstoffen stark von Importen aus dem Ausland abhängig. Dazu gehören vor allem Metalle und Industriemineralien wie Quarz und Graphit, die ganz am Anfang der industriellen Wertschöpfungsketten stehen und neben Energierohstoffen von vielen Unternehmen benötigt werden. "Es gibt einige Standorte in diesem Land, an denen Importe unsere einzige Einnahmequelle sind. Bei Seltenen Erden zum Beispiel sind wir fast vollständig von Importen aus China abhängig", so Matthias Wachter, Leiter der BDI-Abteilung Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Weltraum.
Rohstoffe, die für aufstrebende Technologien entscheidend sind, stehen dabei im Vordergrund. Der Wettlauf um viele der wesentlichen Rohstoffe, die für die Dekarbonisierung, Digitalisierung und Transformation in den Bereichen Energie und Transport benötigt werden, ist bereits in vollem Gange. Die Nachfrage nach Materialien wie Bauxit, Lithium, Wolfram, Gallium, Germanium oder Seltenen Erden steigt daher. Diese Mineralien gelten als das "Gold des Klimawandels" und werden für die nächsten Vorhaben der Industrie unbedingt benötigt. Sie werden zum Beispiel für Windturbinen, Mikrochips und elektrische Batterien benötigt.
Die Europäische Kommission hält die Herstellung von 23 verschiedenen Rohstoffen für unverzichtbar für die Entwicklung wichtiger Technologien wie Batterietechnologie, Robotik und erneuerbare Energiequellen. Das Münchner ifo Institut ist der Meinung, dass bei neun von ihnen sofortiger Handlungsbedarf für Deutschland besteht. Laut einer von der IHK in Auftrag gegebenen Untersuchung sind die Lieferketten für Kobalt, Bor, Silizium, Graphit, Lithium, Magnesium, Niob, Seltene Erden und Titan besonders anfällig für Störungen.
Um die Lieferketten zu stärken, werden mehr Bezugsquellen benötigt, so Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft. Andernfalls könnte es zu Engpässen bei importierten Rohstoffen kommen, die laut ifo "wichtig für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands" sind, insbesondere in Zeiten von Lieferkettenproblemen und geopolitischem Stress.
Infolgedessen gibt es erhebliche Abhängigkeiten, da nur eine kleine Anzahl von Herkunftsländern Deutschland beliefert. So liefern beispielsweise nur zwei der fünf größten Exporteure von Seltenen Erden an deutsche Unternehmen. Ein großes Risiko ist die Marktkonzentration von Monopolisten wie China, vor allem wenn die Nachfrage gleichzeitig boomt.
Die EU-Kommission geht davon aus, dass sich die Nachfrage nach wichtigen Rohstoffen bis 2030 verdoppeln wird. Die Weltbank geht sogar davon aus, dass die Nachfrage nach Metallen und Mineralien in den nächsten 30 Jahren um das Dreißigfache steigen wird. Über drei Milliarden Tonnen der Rohstoffe müssten in diesem Zeitraum abgebaut werden, um diese Mengen zu decken. Die Internationale Energieagentur (IEA) sagt voraus, dass die Nachfrage nach bestimmten Mineralien wie Lithium möglicherweise um das Vierzigfache ansteigen könnte.
Moderne Speichertechnologien sind auf Lithium als wichtigen Rohstoff angewiesen, was es für die E-Mobilität unverzichtbar macht. Um einen reibungslosen Übergang zur Elektromobilität zu gewährleisten, müssen die Experten der Deutschen Rohstoffagentur davon ausgehen, dass die weltweite Produktion in den nächsten Jahren um das Vier- bis Siebenfache steigen muss. Außerdem sind in Tablets, PCs und Handys Lithium-Ionen-Akkus enthalten. Infolgedessen hat sich der Preis des Elements seit Anfang letzten Jahres praktisch verachtfacht. Die Rohstoffagentur schätzt, dass Chile und Australien 75% der weltweiten Lithiumabbaukapazitäten besitzen.
Um den Rohstoff sicher und verantwortungsvoll zu beschaffen, gibt es neben der extremen Abhängigkeit und der hohen Nachfrage noch weitere Herausforderungen. Ein weiteres Problem ist, dass viele rohstoffreiche Länder niedrigere Standards als Europa haben und geopolitischen Bedrohungen ausgesetzt sind.
Bei einigen nicht ersetzbaren Rohstoffen werden die Herkunftsländer als entscheidend angesehen. Nach Angaben des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ist Russland der Hauptlieferant von Nickel und Palladium, die unter anderem in Katalysatoren verwendet werden. Bei Kobalt, das in Legierungen für wiederaufladbare Batterien und andere Produkte verwendet wird, sind die DR Kongo und China die Hauptlieferanten.
Aber auch die lokale Rohstoffgewinnung wird zunehmend zum Problem. Laut einem Positionspapier des Bundesverbandes der Baustoffindustrie (bbs) und der deutschen Bauwirtschaft "verfügt Deutschland grundsätzlich über ausreichend mineralische Rohstoffe, insbesondere bei Kies, Sand, Gips, Ton, Kalkstein und Naturstein, die wichtige Rohstoffe für die Bauwirtschaft sind", wie das "Handelsblatt" berichtet.
Doch auch wenn die Nachfrage konstant ist, "wird es immer schwieriger, die Rohstoffe im Gleichschritt mit der Nachfrage zu sichern." Die geologische Verteilung der Vorkommen ist ein Faktor dafür. Die Verbände machen geltend, dass übermäßige Bebauung, Schutzgebiete oder landwirtschaftliche Flächen ein Hindernis darstellen. Hinzu kommen hohe regulatorische Hürden und übermäßig langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren.
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Zur AktienanalyseDie Versorgungssicherheit bei wichtigen Rohstoffen wird wieder zu einer Priorität. Anfang 2020 erhielt die Bundesregierung vom ehemaligen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ein Rohstoffkonzept. Auch Robert Habeck von den Grünen strebt nach mehr Unabhängigkeit. Um die Wahrscheinlichkeit von Engpässen zu verringern, will die EU-Kommission außerdem das sogenannte "Rohstoffgesetz" in Kraft setzen.
Die deutsche Wirtschaft hat kürzlich einen Fünf-Punkte-Plan vorgestellt, der auch die lokale Rohstoffförderung einschließt, um die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen zu verbessern. Der BDI will insbesondere den heimischen Bergbau fördern und "gesellschaftlich akzeptieren". In einem Bericht heißt es, dass "jede Tonne heimischer Rohstoffgewinnung die Importabhängigkeit verringert und die Widerstandsfähigkeit und Versorgungssicherheit Deutschlands erhöht." Die Raumplanung muss genutzt werden, um den Abbau zu ermöglichen, und die Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt werden.
Das BDI-Papier empfiehlt weiterhin, den Auslandsabbau von wichtigen Rohstoffen und die internationale Rohstoffkooperation zu fördern. Seltene Erden werden zum Beispiel hauptsächlich in Asien gefördert; neben China gehören Myanmar und Thailand zu den wichtigsten Produzenten. Auch Vietnam verfügt über beträchtliche, unerschlossene Ressourcen, die es Deutschland ermöglichen würden, seine Abhängigkeit vom Branchenführer zu verringern.
Laut der ifo-Studie gibt es auch noch unerforschte Möglichkeiten zur Diversifizierung der Rohstoffe. Es gibt mehrere Exporteure, mit denen Deutschland den Handel ausbauen könnte, um die Lieferketten insbesondere für Kobalt und Titan krisenfester zu machen. Außerdem müsse die EU auf die Unterzeichnung von Handelsabkommen mit diesen Ländern drängen, auch innerhalb Europas. Jüngste Untersuchungen haben zum Beispiel entdeckt, dass Seltene Erden in Schweden, Finnland und Portugal abgebaut werden.
Auch die Kreislaufwirtschaft kann dazu beitragen, eine Lösung zu finden. Das wird nicht nur die Abhängigkeit Deutschlands verringern, sondern auch die Umwelt schützen. Die EU hat bisher noch nicht einmal 1 % der Seltenen Erden recycelt. Britta Bookhagen, Leiterin des Arbeitsbereichs Recycling-Rohstoffe bei der Deutschen Rohstoffagentur, stellte fest, dass es für einige kritische Metalle oder sogar sogenannte Technologiemetalle, wie Tantal und die Seltenen Erden oder auch Magnesium, noch ungenutzte Stoffströme gibt.


