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Aware: Wie das Berliner Longevity-Start-up in die Insolvenz schlitterte

Fünf Jahre nach dem Start mit über 15 Millionen Dollar Wagniskapital steckt das Bluttest-Start-up Aware im Insolvenzverfahren.

Aware: Wie das Berliner Longevity-Start-up in die Insolvenz schlitterte

Das Konzept klang vielversprechend: Minimalistische Laborräume in Berlin, Mitarbeiter in weißen Kitteln, eine moderne App zur Terminbuchung. Nutzer ließen sich venöses Blut abnehmen und erhielten zwei Tage später ein digitales Ergebnis zu Vitaminlevel, Hormonhaushalt und Cholesterinwerten. Die Seriengründer Florian Meissner und Ramzi Rizk starteten 2021 mit viel Rückenwind aus der Investorenwelt – doch fünf Jahre später befindet sich ihr Start-up Aware im Insolvenzverfahren.

Philipp Grauer, vorläufiger Insolvenzverwalter und Partner der Kanzlei Münzel & Böhm, äußert sich zu den genauen Hintergründen nicht. Bekannt ist jedoch: Kapitalgeber wie Lakestar, Cherry Ventures und der June Fund pumpten nach der Gründung insgesamt mehr als 15 Millionen Dollar in das Unternehmen. Lakestar hat sein Investmentgeschäft inzwischen eingestellt, der June Fund ist ebenfalls nicht mehr aktiv – beide zählten zu den wichtigsten Geldgebern von Aware. Nach Informationen der WirtschaftsWoche soll der laufende Betrieb sehr kostspielig gewesen sein, und die verbliebenen Investoren sind nicht mehr bereit, die Berliner Firma weiter zu finanzieren. An einer Lösung werde jedoch gearbeitet.

Das Geschäftsmodell: Zwischen Heimtest und Arztpraxis

Aware positionierte sich bewusst zwischen zwei Welten. Anbieter wie Cerascreen verkaufen Heimtests, bei denen ein Tropfen Blut aus dem Finger auf einen Teststreifen gegeben und ins Labor geschickt wird. Meissner kritisierte dabei die hohe Fehlerquote. Gleichzeitig argumentierte er, dass Arzttermine zu lange Wartezeiten mit sich bringen und die messbaren Biomarker dort begrenzt seien. Aware setzte daher auf schnelle Vor-Ort-Blutabnahmen mit venösem Verfahren – als qualitativ überlegene Alternative.

Die Laborberichte sollten verständlich visualisiert und auf Wunsch mit früheren Analysen verglichen werden können. Bei Gesprächsbedarf konnten Kunden direkt über einen Teleklinik-Anbieter einen Termin buchen. Das langfristige Ziel war laut Meissner, anonymisierte Patientendaten für wissenschaftliche Studien zugänglich zu machen – ein ambitionierter Ansatz im wachsenden Markt der Longevity-Medizin.

Doch intern lief nicht alles rund. Meissners Co-Gründer Rizk stieg bereits zwei Jahre nach dem Start aus. Im Oktober 2024 verließ auch Meissner selbst das Unternehmen – offiziell aus privaten Gründen, doch nach WirtschaftsWoche-Informationen sollen die Gesellschafter mit seiner Rolle nicht zufrieden gewesen sein. Die Geschäftsführung übernahmen daraufhin Henrik Siemers, ehemaliger CEO der umstrittenen Zahnschienenfirma Dr. Smile, sowie der bisherige COO Ferdinand Schmidt-Thomé.

Neue Strategie, neue Zielgruppe – zu wenig Wirkung

Das neue Führungsduo versuchte, das Unternehmen neu auszurichten und sprach gezielt Sportler an. Spezifische Pakete sollten Athleten bei Training und Regeneration unterstützen. Insgesamt testet Aware rund 100 Biomarker. Nutzer wählen in der App zwischen verschiedenen Paketen: Die günstigste Blutanalyse kostet 79 Euro, die teuerste 689 Euro. Im Abomodell erhalten Kunden Rabatte und Zugang zu Langzeitanalysen.

Blutabnahmen sind an 41 Standorten in Deutschland möglich, darunter zwei dm-Filialen in Kooperation mit der Drogeriekette. Einen weiteren Standort betreibt Aware in Amsterdam. Wie viel Umsatz das Unternehmen mit diesen Angeboten erzielt, ist nicht bekannt. Vor zwei Jahren kommunizierte Aware noch, dass pro Standort täglich rund 40 Kunden die Dienstleistung nutzten – wobei die meisten einen Einzeltest kauften und auf das Abo verzichteten.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Für das Geschäftsjahr 2023 – die zuletzt veröffentlichte Bilanz – wies Aware einen Verlust von mehr als 2,5 Millionen Euro aus. Hohe Betriebskosten, wegbrechende Investoren und ein Geschäftsmodell, das offenbar nicht schnell genug zur Profitabilität fand – das Scheitern von Aware zeigt exemplarisch, wie schwierig es im hart umkämpften Digital-Health-Markt ist, trotz starker Anfangsfinanzierung langfristig zu bestehen.

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