Ausländische Investoren meiden Indien: Devisenbeschränkungen und Ölpreise belasten
Steigende Absicherungskosten und Gewinnrisiken treiben ausländische Anleger aus indischen Anleihen und Aktien heraus.

Ausländische Investoren werden zunehmend vorsichtiger gegenüber Indien. Maßnahmen der Reserve Bank of India (RBI) zur Stabilisierung der Rupie haben die Absicherungskosten für Anleiheinvestoren deutlich erhöht – gleichzeitig belasten steigende Ölpreise infolge des Iran-Kriegs den Wirtschaftsausblick des Landes erheblich.
Die RBI hatte Beschränkungen eingeführt, um Arbitrage-Geschäfte einzudämmen und den Druck auf die Rupie zu mildern. Die Maßnahmen zeigten zwar Wirkung bei der Währungsstabilisierung, trieben jedoch die Absicherungskosten für ausländische Anleiheinvestoren in die Höhe. Am Onshore-OTC-Markt stiegen die einjährigen Absicherungskosten seit Einführung der Maßnahmen um rund 30 Basispunkte. Im Offshore-Bereich fiel der Anstieg noch deutlicher aus: Die Absicherungskosten über Non-Deliverable Forwards (NDF) – Terminkontrakte, die außerhalb Indiens gehandelt werden – kletterten um fast 70 Basispunkte. Unmittelbar nach dem RBI-Schritt erreichten die NDF-Absicherungskosten ihren höchsten Stand seit mehr als zwölf Jahren.
Carry-Erträge weitgehend aufgezehrt
Die Liquidität am NDF-Markt, einem zentralen Kanal für das Währungsrisikomanagement ausländischer Investoren, hat sich deutlich ausgedünnt. Das macht Absicherungen nicht nur teurer, sondern auch schwieriger in der Ausführung. „Solch hohe Absicherungskosten zehren fast die gesamten Carry- und Roll-down-Erträge indischer Staatsanleihen auf", sagte Matthew Kok, Portfoliomanager bei Eastspring Investments. „Investoren werden für die Risiken, die sie eingehen, deutlich schlechter entlohnt." Eastspring, ein auf Asien spezialisierter Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von rund 280 Milliarden US-Dollar, ist gegenüber indischen Anleihen derzeit neutral eingestellt.
Die Stimmung gegenüber Indien hat sich damit weiter eingetrübt – zu einem Zeitpunkt, an dem steigende Ölpreise infolge des Iran-Kriegs den Wirtschaftsausblick ohnehin belasten. Indien importiert rund 90 Prozent seines Ölbedarfs und ist stark von Lieferungen aus dem Nahen Osten abhängig. Seit Kriegsbeginn am 28. Februar haben ausländische Investoren indische Staatsanleihen im Wert von rund 211 Milliarden Rupien (etwa 2,26 Milliarden US-Dollar) verkauft, wobei sich die Abflüsse nach Bekanntgabe der Devisenbeschränkungen noch beschleunigten.
Einige Marktteilnehmer glauben, dass sinkende Ölpreise allein nicht mehr ausreichen werden, um ausländische Investoren zurückzulocken. „Ich erwarte nicht, dass sich die Stimmung gegenüber Indien schnell drehen wird, selbst wenn die Ölpreise von hier aus nachgeben", sagte Nigel Foo, Leiter für asiatische festverzinsliche Wertpapiere bei First Sentier Investors, das rund 140 Milliarden US-Dollar verwaltet. Er verwies auf anhaltende Sorgen um die Währungsstabilität und ergänzte: „Es könnte ein deutlicher Anstieg der Anleiherenditen erforderlich sein, bevor sich die Stimmung verbessert."
Rekordabflüsse aus dem Aktienmarkt
Auch am indischen Aktienmarkt hinterlassen die Unsicherheiten deutliche Spuren. Ausländische Investoren haben seit Jahresbeginn 2025 indische Aktien im Wert von rund 38 Milliarden US-Dollar verkauft. Allein im März summierten sich die Abflüsse auf einen Rekordwert von 12,7 Milliarden US-Dollar. Angela Lan, Senior-Strategin bei State Street Investment Management – einem der weltgrößten Vermögensverwalter mit über 5,5 Billionen US-Dollar unter Verwaltung – betonte, dass der Iran-Krieg bereits bestehende Probleme verschärft habe: „Schon vor dem Konflikt sah sich Indien mit Gegenwind durch hohe Bewertungen, Risiken durch KI-bedingte Disruptionen und einer nachlassenden Gewinndynamik konfrontiert."
Brokerhäuser haben inzwischen begonnen, ihre Gewinnprognosen für indische Unternehmen zu senken. Goldman Sachs hat seine Prognose für das Gewinnwachstum in Indien für die nächsten zwei Jahre um kumuliert neun Prozentpunkte zurückgenommen. Nomura warnte vor einem Abwärtsrisiko von 10 bis 15 Prozent gegenüber den Konsensschätzungen für das laufende Geschäftsjahr, sollten die Ölpreise auf dem aktuellen Niveau verharren. Zudem senkte Nomura sein Kursziel für den Nifty 50 Index für Dezember 2026 um 15 Prozent auf 24.600 Punkte. Der Index hat in diesem Jahr bereits mehr als 7 Prozent an Wert verloren.
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Zur AktienanalyseUntergewichtung in Portfolios
Aberdeen Investments bestätigte, dass die meisten ihrer Portfolios für asiatische Aktien und Schwellenländer-Aktien derzeit in indischen Titeln untergewichtet sind. „Selbst wenn der Konflikt innerhalb weniger Wochen gelöst wird, gehen wir davon aus, dass ausländische Investoren kurzfristig weitgehend im Risk-off-Modus bleiben", sagte Rita Tahilramani von Aberdeen Investments. Langfristig bleibe man jedoch konstruktiv für den indischen Markt eingestellt.
Für deutsche Privatanleger mit Engagement in Indien-ETFs oder Schwellenländerfonds ist die Entwicklung relevant: Die Kombination aus Währungsrisiken, hohen Bewertungen und geopolitischen Unsicherheiten dürfte den indischen Markt kurzfristig weiter unter Druck halten. Experten mahnen zur Vorsicht, solange keine klaren Signale einer Entspannung erkennbar sind.


