AstraZeneca-Studienflop: Ist der Pipeline-Aufschlag noch gerechtfertigt?
Ein gescheitertes Spätphasen-Programm löst einen Kurseinbruch aus, der weit über den finanziellen Schaden hinausgeht.

Die gescheiterte Spätphasen-Studie von AstraZeneca für das Medikament Wainua hat an den Märkten für weit mehr Unruhe gesorgt, als der rein finanzielle Schaden rechtfertigen würde. Analysten beziffern den Einfluss auf den Barwert des Unternehmens auf lediglich 2 bis 4 Prozent – doch die Aktie verlor am Donnerstag satte 6,2 Prozent und damit den schlechtesten Handelstag seit über zwei Jahren. Am darauffolgenden Freitag gab das Papier weitere 3 Prozent nach.
Diese Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen finanziellen Schaden und der Marktreaktion wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Ist der Bewertungsaufschlag, den Anleger der Pipeline von AstraZeneca seit Jahren zugestehen, noch gerechtfertigt? Das Unternehmen zählt seit langem zu den am höchsten bewerteten Pharmaunternehmen Europas – ein Status, der auf der Erwartung beruht, dass das Management beständig erfolgreiche klinische Studien liefert und das Portfolio mit neuen Blockbuster-Medikamenten auffüllt.
Wainua: Kleines Medikament, große Signalwirkung
Wainua war als Behandlung für ATTR-Kardiomyopathie entwickelt worden, eine seltene und lebensbedrohliche Herzerkrankung. Von dem Mittel wurde nie erwartet, dass es zu einem der größten Produkte von AstraZeneca werden würde. Leerink Partners schätzt, dass der Wegfall von Wainua den Spielraum über dem Unternehmenskonsens von rund 82,7 Milliarden US-Dollar auf etwa 80,8 Milliarden US-Dollar verringert – entsprechend entgangenen Wainua-Umsätzen von 1,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030. Citi beziffert den Einfluss auf den Barwert auf rund 3 Prozent, Jefferies auf etwa 2 Prozent, und die Bank of America beschrieb die Umsatzauswirkungen als „im mittleren einstelligen Bereich".
Morningstar ließ seine Fair-Value-Schätzung unverändert und erklärte, der Rückschlag „ändere nichts an unserer Einschätzung der Fähigkeiten zur Medikamentenentwicklung in der Spätphase". Das Onkologie-Franchise, das Geschäft mit seltenen Krankheiten und die breitere Pipeline von AstraZeneca bleiben demnach intakt.
Die eigentliche Überraschung lag laut Analysten nicht im Scheitern selbst, sondern im Kontext: Viele Investoren hatten dem Programm eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit beigemessen – nicht zuletzt, weil das Konkurrenzmedikament Amvuttra von Alnylam, das ähnlich wirkt, als günstiger Präzedenzfall galt. Sowohl Goldman Sachs als auch die Bank of America hoben hervor, dass Anleger die Möglichkeit eines Scheiterns deshalb kaum ernsthaft in Betracht gezogen hatten.
Glaubwürdigkeit unter Druck
Jefferies formulierte das Kernproblem deutlich: Das Scheitern gehe über den entgangenen Umsatz hinaus, da es die Glaubwürdigkeit des Unternehmens beeinträchtige. Unter der 14-jährigen Führung von CEO Pascal Soriot hat sich AstraZeneca den Ruf erarbeitet, nur selten negative Studienergebnisse zu veröffentlichen. Dan Coatsworth, Leiter der Märkte bei AJ Bell, merkte an, dass AstraZeneca in letzter Zeit weit mehr Erfolge als Misserfolge verzeichnet habe – was entsprechend hohe Erwartungen geweckt habe.
Dennoch erklärte Jefferies, dass die gescheiterte Studie das Ziel des Managements für 2030 nicht gefährde. Citi geht sogar weiterhin davon aus, dass das Unternehmen dieses Ziel übertreffen kann. Ein Sprecher von AstraZeneca lehnte es ab, die Kursreaktion weiter zu kommentieren.
Blick auf die verbleibende Pipeline
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Zur AktienanalyseDas Timing des Rückschlags ist für AstraZeneca besonders heikel. In den kommenden Monaten werden Daten für mehrere wichtige Pipeline-Katalysatoren erwartet:
- AVANZAR-Studie für Lungenkrebs
- SERENA-4 für Brustkrebs
- Cliramitug, ebenfalls für ATTR-Kardiomyopathie
Leerink deutete an, dass der Rückschlag den Fokus der Anleger noch stärker auf diese verbleibenden „binären Ereignisse" lenkt, die für später in diesem Jahr erwartet werden. Der Druck auf das Management, bei diesen Studien zu liefern, dürfte damit gestiegen sein.
Trotz allem empfehlen die meisten Analysten die Aktie weiterhin zum Kauf. Citi bekräftigte AstraZeneca als europäischen Top-Pick im Pharmasektor, die Bank of America bestätigte ihre Kaufempfehlung, und Jefferies argumentierte, Anleger sollten den Kursrückgang als Einstiegsgelegenheit nutzen. Die Frage, ob der langjährige Bewertungsaufschlag der Pipeline dauerhaft Bestand hat, wird die kommenden Monate beantworten müssen.


