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Arbeitsmarkt-Reform: Warum höhere Steuern das Wachstum bremsen

Ökonomen fordern Steuerreform statt Arbeitszwang - demografischer Wandel erfordert neue Anreize für Erwerbstätige

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Arbeitsmarkt-Reform: Warum höhere Steuern das Wachstum bremsen

Die Debatte um längere Arbeitszeiten in Deutschland greift zu kurz. Während Politiker mehr Arbeitsstunden fordern, sehen führende Ökonomen das Problem woanders: Das deutsche Steuer- und Abgabensystem macht Mehrarbeit für viele Beschäftigte schlicht unattraktiv. Die demografische Entwicklung verschärft die Situation zusätzlich.

"Deutschland steht vor einer starken demografischen Schrumpfung. Wir verlieren über 15 Jahre sieben Millionen Arbeitskräfte einfach nur aus Alterungsgründen", warnt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Babyboomer-Generation geht in den Ruhestand - mit erheblichen Folgen für Wirtschaftsleistung und Lebensstandard.

Die Zahlen geben den Experten recht: Nach OECD-Angaben sind die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Arbeitnehmer in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig. In den vergangenen 20 Jahren gingen sie deutlich zurück. Die Teilzeitquote lag im dritten Quartal 2025 bei über 40 Prozent. Doch hinter dieser Entwicklung steckt auch eine Erfolgsgeschichte: Mehr Frauen und ältere Arbeitnehmer sind heute erwerbstätig als je zuvor.

Steuerbelastung als Wachstumsbremse

Das eigentliche Problem liegt im Steuersystem. "Solange es sich nicht netto rechnet für den Einzelnen, wird es nie dazu kommen, dass viel mehr gearbeitet wird", erklärt Dominik Groll vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Besonders in niedrigen Einkommensgruppen lohnt sich Mehrarbeit kaum. Wer mehr verdient, verliert im Gegenzug Sozialleistungen - am Ende bleibt netto wenig übrig.

Die hohen Grenzsteuersätze verstärken diesen Effekt. "In Deutschland sehen wir häufig, dass die Anreize für Erwerbstätigkeit einfach zu schwach sind", bestätigt Weber. Wer im unteren Einkommensbereich mehr verdient, erlebt einen steilen Anstieg der Steuerlast. Diese Progression müsse abgeflacht werden. Eine Reform könnte mehrere Hunderttausend zusätzliche Jobs schaffen.

Minijobs und Ehegattensplitting im Fokus

Die OECD identifiziert weitere Stellschrauben: Minijobs, Ehegattensplitting und die kostenlose Mitversicherung des Ehepartners in der Krankenversicherung setzen falsche Anreize. "Die meisten Leute in Deutschland sind nicht faul, sondern rational, denn in vielen Fällen lohnt sich Mehrarbeit einfach nicht", betont Robert Grundke von der OECD.

Bei Minijobs zeigt sich das Dilemma besonders deutlich. Wer geringfügig mehr verdient als die Minijob-Grenze, hat teilweise netto sogar weniger Geld zur Verfügung. Mindestens die Hälfte der Minijobber sind allerdings Schüler, Studenten und Rentner - für sie bleiben flexible Teilzeitmodelle wichtig.

Rentensystem braucht Neuausrichtung

Deutschland hat die älteste Arbeitsbevölkerung in der Europäischen Union. Hier liegt ungenutztes Potenzial. "Die abschlagsfreie Rente mit 63 müsste eigentlich ersatzlos gestrichen und das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden", fordert Groll. Statt Frühverrentung zu fördern, sollten durchgängige Anreize fürs Weiterarbeiten geschaffen werden - etwa ein Rentenaufschlag von 0,5 Prozent pro Monat.

Bessere Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsmaßnahmen und Flexibilität könnten ältere Arbeitnehmer länger im Beruf halten. Menschen in belastenden Jobs sollten systematisch in Tätigkeiten mit längerer Perspektive weiterentwickelt werden. Das Blockmodell bei der Alters-Teilzeit steht dabei auf dem Prüfstand.

Gulliver-Syndrom: Viele kleine Schritte nötig

Einzelne Maßnahmen mögen bescheiden wirken. "Wir sprechen immer gern von dem Gulliver-Syndrom. Einzelne Maßnahmen haben vielleicht nur einen kleinen Effekt. Aber weil es eben so viele Fehlanreize gibt, summiert sich das zu einigen Prozent Wirtschaftsleistung", erklärt Groll. Die Abschaffung von Feiertagen oder die Einschränkung der telefonischen Krankschreibung seien dagegen nicht nachhaltig.

Für die Finanzierung der Steuerreformen schlägt die OECD vor, Ausnahmen bei Kapitalertrags-, Erbschafts- und Mehrwertsteuer zu streichen. Der Steuervollzug müsse verbessert werden. Eine Sozialstaatsreform sollte verschiedene Leistungen in die Grundsicherung integrieren und einen Selbstbehalt von rund 30 Prozent bei zusätzlichem Erwerbseinkommen sicherstellen.

Politische Appelle allein werden die Arbeitszeit nicht erhöhen. "Es geht vor allem darum, die Leute durch ein effizientes und besser gestaltetes Steuer- und Transfersystem dazu zu bringen, mehr zu arbeiten", fasst Grundke zusammen. Für Eltern bleiben zudem Kinderbetreuung und Pflegeunterstützung zentrale Faktoren. Nur ein Bündel an Reformen kann dem demografischen Wandel wirksam begegnen.

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