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Anleger ignorieren Krisen: Gewöhnungseffekt an den Börsen setzt ein

Eine neue Civey-Studie zeigt: Drei Viertel der Anleger lassen sich von geopolitischen Krisen kaum noch beeinflussen.

Anleger ignorieren Krisen: Gewöhnungseffekt an den Börsen setzt ein

Der Krieg zwischen den USA und dem Iran dauert nun bereits drei Monate an. Mit jedem weiteren Tag wachsen die Sorgen vor wirtschaftlichen Folgen: Der Ölpreis ist spürbar gestiegen, die Produktionskosten klettern – und die Inflation könnte erneut Fahrt aufnehmen. Doch die Börsen zeigen sich davon weitgehend unbeeindruckt. Die großen US-Indizes notieren auf neuen Höchstständen, und auch der DAX liegt nur noch knapp unter seinem Vor-Kriegs-Niveau.

Zu dieser Beobachtung passt eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts Civey, die im Auftrag des Direktbrokers tradegate.direct unter 2.000 Anlegern durchgeführt wurde und der WirtschaftsWoche exklusiv vorlag. Die Befragung fand zwischen dem 27. März und dem 12. April statt. Das zentrale Ergebnis: Anleger blenden geopolitische Krisen zunehmend aus.

Mehrheit setzt auf Abwarten statt Aktionismus

Drei Viertel der Befragten gaben an, dass aktuelle Krisen ihr Anlageverhalten derzeit nur wenig beeinflussen. Das Vertrauen in den Aktienmarkt bleibt trotz jüngster Turbulenzen stabil. Besonders auffällig: 61,5 Prozent der Anleger verfolgen eine sogenannte „Wait and see"-Strategie. Statt aktiv zu handeln oder ihr Kapital vermeintlich in Sicherheit zu bringen, entscheiden sie sich bewusst für Nichtstun.

Dennis Puschmann, der bei der Tradegate AG den Direktbroker tradegate.direct verantwortet, erklärt dieses Verhalten so: „Für viele Anleger sind Krisen kein Schock mehr, sondern Teil eines bekannten Musters geopolitischer Spannungen. Entsprechend reagieren sie weniger impulsiv und warten ab, ob daraus tatsächlich nachhaltige wirtschaftliche Effekte entstehen."

Dieser Wandel im Anlegerverhalten ist bemerkenswert – denn noch vor wenigen Monaten sah die Lage ganz anders aus. Im August vergangenen Jahres hatte eine vergleichbare Civey-Erhebung ergeben, dass drei Viertel der Befragten das Vertrauen in die amerikanische Börse verloren hatten. Damals stand das von US-Präsident Donald Trump ausgelöste Zollchaos im Mittelpunkt: Trump hatte gegen zahlreiche Länder teils drastische Zollandrohungen verkündet und die Märkte damit auf Achterbahnfahrt geschickt.

Der „Taco-Trade": Wenn Rückzieher zur Strategie werden

Immer wieder ruderte Trump jedoch zurück – und löste damit positive Börsenreaktionen aus. Aus diesem Muster entstand sogar eine eigene Anlagestrategie: der sogenannte Taco-Trade. Das Akronym steht für „Trump always chickens out" – Trump macht immer einen Rückzieher. Anleger haben dieses Muster offenbar verinnerlicht und reagieren insgesamt gelassener auf neue Eskalationen.

„An der Börse tritt ein Gewöhnungseffekt ein", bringt es Puschmann auf den Punkt. Der große Trump-Schock bleibt damit aus. Das Motto vieler Investoren scheint zu lauten: So schlimm wird es schon nicht werden.

Interessant ist auch der Blick auf die Kaufbereitschaft: Für den Fall, dass der Krieg länger andauern sollte, wollen fast doppelt so viele Anleger kaufen wie verkaufen – konkret 17,7 Prozent gegenüber 9,9 Prozent. Gesunkene Kurse werden von einem Großteil also eher als Einstiegschance denn als Warnsignal gewertet.

Langfristdenken gewinnt – doch die Konjunktur trübt sich ein

Puschmann bewertet diese Haltung positiv: „Langfristig betrachtet ist es gut, wenn Anleger gerade in Krisenzeiten Zukäufe tätigen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Kurse in einigen Jahren höher stehen als heute." Für Privatanleger mit langem Anlagehorizont könnte die aktuelle Zurückhaltung an den Märkten also eine strategische Gelegenheit darstellen.

Allerdings verdüstern sich die kurzfristigen Wirtschaftsaussichten spürbar. Die Verbraucherstimmung sinkt, und das Wirtschaftsministerium hat seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr zuletzt auf 0,5 Prozent halbiert. Ob der Gewöhnungseffekt an den Börsen anhält oder die wirtschaftliche Realität die Märkte doch noch einholt, bleibt abzuwarten.

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