Amazon-Händler boykottieren Werbeplattform wegen neuer Richtlinienänderungen
Hunderte Verkäufer protestieren mit einem 24-stündigen Werbeboykott gegen steigende Kosten und neue Amazon-Richtlinien, die ihre Margen weiter belasten.

Hunderte große Amazon-Verkäufer haben am Mittwoch die Werbeplattform des Konzerns für 24 Stunden boykottiert. Der Protest richtet sich gegen eine Reihe neuer Richtlinienänderungen, die nach Ansicht der Händler ihre ohnehin angespannte finanzielle Lage weiter verschlechtern. Organisiert wird der Boykott von der Gemeinschaft „Million Dollar Sellers", einem Zusammenschluss von mehr als 700 Mitgliedern, die gemeinsam einen Jahresumsatz von rund 14 Milliarden US-Dollar erwirtschaften.
Die Stimmung unter den Verkäufern ist angespannt. „Uns geht die verdammte Marge aus", bringt ein Händler die Lage auf den Punkt. Drittanbieter sind für Amazon von zentraler Bedeutung: Sie verantworten mehr als 60 Prozent der auf dem Marktplatz verkauften Waren. Doch die Rahmenbedingungen haben sich zuletzt erheblich verschlechtert.
Mehrfachdruck durch Zölle, Energiekosten und neue Gebühren
Die hohen Importzölle der Trump-Regierung belasten die Händler bereits seit Monaten. Hinzu kommen stark gestiegene Energiekosten infolge des Iran-Krieges. Amazon reagierte darauf mit der Ankündigung eines temporären Treibstoffzuschlags von 3,5 Prozent, der am 17. April in Kraft tritt, um gestiegene Öl- und Logistikkosten teilweise aufzufangen. Für viele Verkäufer ist das eine Belastung zu viel.
Anfang April kündigte Amazon zudem an, Werbekosten künftig automatisch von den Verkaufserlösen einiger Händler abzuziehen, anstatt ihnen die Zahlung per Kreditkarte zu ermöglichen. Für viele kleinere Verkäufer ist das besonders schmerzhaft: Sie nutzen Kreditkartenzahlungen für Amazon-Anzeigen gezielt, um Bonuspunkte zu sammeln. Amazon stellte die Änderung als Vorteil für das „Cashflow-Management" der Händler dar. Die Verkäufer sehen das anders – sie befürchten den gegenteiligen Effekt. Nach dem öffentlichen Druck verschob Amazon die Umsetzung dieser Änderung auf den 1. August.
Längere Wartezeiten bei Auszahlungen binden Kapital
Mitte März führte Amazon eine weitere Neuerung ein: Verkaufserlöse werden für einige US-Händler nun länger einbehalten. Statt sieben Tage nach dem Versand müssen Verkäufer nun bis zu sieben Tage nach der tatsächlichen Lieferung der Produkte warten, um ihre Gewinne zu erhalten. Diese scheinbar kleine Verschiebung kann erhebliche Folgen haben. Händler könnten in Liquiditätsengpässe geraten und nicht mehr in der Lage sein, Gehälter zu zahlen oder Lieferanten zu entlohnen – und sich dadurch gezwungen sehen, mehr Schulden aufzunehmen.
Amazon-Sprecherin Ashley Vanicek verteidigte die Änderungen. Die neuen Zahlungsmodalitäten bei Werbung und Auszahlungen würden lediglich eine „kleine Untergruppe von Verkäufern" an Praktiken anpassen, die von der Mehrheit der Händler bereits angewendet werden. Zudem biete Amazon ein Guthaben von 2.500 US-Dollar für Werbekosten an, um den Übergang zu erleichtern.
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Zur AktienanalyseDrittanbieter-Marktplatz als tragende Säule des Amazon-Konzerns
Der Amazon-Marktplatz für Drittanbieter wurde im Jahr 2000 gestartet und hat sich seither zu einem zentralen Pfeiler der Einzelhandelsstrategie des Konzerns entwickelt. Er beherbergt Millionen von Verkäufern – vom Kleinunternehmen in der Garage bis hin zu etablierten Marken. Der Umsatz mit Verkäuferdienstleistungen, der Provisionen, Versandgebühren, Werbung und Kundenservice umfasst, ist seit 2017 um mehr als 400 Prozent gestiegen.
Im vierten Quartal wuchs dieser Bereich im Jahresvergleich um 11 Prozent auf 52,8 Milliarden US-Dollar und machte damit rund 42 Prozent des gesamten Amazon-Umsatzes in diesem Zeitraum aus. Die Abhängigkeit ist also gegenseitig: Amazon braucht die Händler – und die Händler brauchen Amazon. Genau diese Abhängigkeit macht den Boykott zu einem ungewöhnlichen, aber deutlichen Signal der Frustration.


