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Altersvorsorgedepot: Chancen und Risiken der neuen Rentenreform

Die Bundesregierung ersetzt die Riester-Rente durch ein kapitalmarktbasiertes Depot – mit Zulagen, aber auch erheblichen Tücken.

Altersvorsorgedepot: Chancen und Risiken der neuen Rentenreform

Mit dem neuen Altersvorsorgedepot will die Bundesregierung die private Altersvorsorge grundlegend umbauen. Statt wie bisher in klassische Versicherungsprodukte einzuzahlen – wie es bei der Riester-Rente der Fall war – sollen Bürgerinnen und Bürger künftig direkt am Kapitalmarkt investieren können, etwa in Fonds oder ETFs. Der Staat fördert die Einzahlungen mit Zulagen und Steuervorteilen.

Dahinter steckt auch ein kultureller Anspruch: Deutschland gilt traditionell als Land der Sparer, nicht der Investoren. Aktien gelten hierzulande vielen als zu riskant oder spekulativ. Das Altersvorsorgedepot soll die sogenannte Aktienkultur stärken und mehr Menschen dazu bewegen, am Kapitalmarkt zu investieren. Denn historisch betrachtet erzielen aktienbasierte Anlagen langfristig höhere Erträge als klassische Versicherungsprodukte – besonders für junge Menschen, die früh mit dem ETF-Sparen beginnen.

Das Konzept funktioniert vergleichsweise einfach: Sparer zahlen regelmäßig Geld in ein speziell dafür vorgesehenes Depot ein, das bei normalen Banken – nicht bei staatlichen Institutionen – geführt wird. Das angesparte Kapital wird am Kapitalmarkt investiert. Neu ist außerdem, dass Anleger künftig selbst wählen können, wie viel Risiko sie eingehen möchten.

Abschied von der Beitragsgarantie

Anders als bei der Riester-Rente, bei der 100 Prozent der eingezahlten Beiträge garantiert zurückgezahlt werden mussten, sieht das neue System verschiedene Modelle vor. Der garantierte Auszahlungsbetrag kann dabei schrittweise sinken – bis hin zu einem Modell ganz ohne Garantie. In diesem Fall könnte das gesamte Kapital am Kapitalmarkt angelegt werden, was die höchsten Renditechancen, aber auch das größte Verlustrisiko bedeutet.

Olaf Stotz, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, bewertet die neue Wahlfreiheit positiv: „Das Altersvorsorgedepot löst das Problem der Renditebegrenzung der Riester-Rente, die man durch die Beitragsgarantie hat", sagt er in einem aktuellen Video des ARD-Finanzformats 50k auf YouTube. „Das ist auch aus meiner Sicht das wichtigste Problem, was gelöst wurde und das kann das Altersvorsorgedepot für Anleger attraktiv machen."

Gleichzeitig warnt Stotz vor der Komplexität des neuen Systems. Die verschiedenen Garantiemodelle könnten viele Sparer überfordern – besonders jene, die sich kaum mit Finanzen beschäftigen. „Wenn man sich allein den Gesetzestext durchliest, ist das kein Vergnügen", so Stotz. „Es ist insbesondere für einen Laien schwer zu verstehen, teilweise sind Details selbst für Experten schwierig nachzuvollziehen."

Risiko der Falschberatung

Die Folge dieser Komplexität: Viele Menschen werden auf Beratung angewiesen sein. Und genau dort sieht Stotz eine Gefahr. „Da ist durchaus das Potential von Falschberatung gegeben, weil die Komplexität so hoch ist. Es ist unmöglich, das Altersvorsorgedepot in fünf Minuten zu erklären", betont der Experte. Für Privatanleger ohne Finanzwissen könnte das neue System damit zur Falle werden, wenn sie auf unzureichende oder interessengeleitete Beratung treffen.

Hinzu kommt die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Das neue System bevorzuge Besserverdiener, die mehr sparen können, kritisiert Stotz: „Die Zulagen richten sich danach, wie viel ich spare. Das heißt: Die Maximalzulagen bekommt, wer den Maximalbeitrag – also 1.800 Euro im Jahr – sparen kann." Wer hingegen nur den Mindestbetrag von 120 Euro jährlich aufbringen kann, erhält auch nur eine geringe Förderung. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage gaben im März 2026 rund 41 Prozent der Befragten an, derzeit nicht genug Geld zu haben, um ausreichend für das Alter vorzusorgen.

Wenn Gebühren die Förderung auffressen

Besonders brisant ist die Kostenfrage. Die Bundesregierung plant zwar eine Gebührenobergrenze von rund einem Prozent pro Jahr. Verbraucherschützer halten jedoch selbst das für zu hoch – und eine Beispielrechnung von Verivox zeigt, warum.

Die Modellrechnung geht von einem 25-jährigen Anleger aus, der monatlich 150 Euro in einen ETF-Sparplan investiert, bei einer unterstellten konstanten Rendite von 7,5 Prozent pro Jahr – entsprechend der historischen Durchschnittsrendite des MSCI World abzüglich marktüblicher ETF-Gebühren. Steuern bleiben unberücksichtigt. Die Ergebnisse im Überblick:

  • Ohne Gebühren und ohne Förderung: rund 496.000 Euro Endvermögen bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren
  • Mit staatlicher Förderung (rechnerisch 195 Euro monatlich) und ohne Kosten: rund 645.000 Euro – ein Plus von circa 149.000 Euro
  • Mit Förderung und der erlaubten Kostenobergrenze von einem Prozent pro Jahr: nur noch rund 480.000 Euro

Das Ergebnis ist ernüchternd: Wer das Altersvorsorgedepot mit maximaler Kostenbelastung nutzt, landet am Ende mit rund 16.000 Euro weniger Vermögen als jemand, der komplett auf die staatliche Förderung verzichtet und stattdessen in ein kostenloses privates Wertpapierdepot investiert.

Für Stotz ist das schwer nachvollziehbar: „Sie können heute ein Depot bei einem Neobroker für null Euro Kosten eröffnen. Insofern ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum das Kostenmaximum noch immer so hoch angesetzt wird." Der Experte erwartet deshalb nicht, dass das Altersvorsorgedepot „der große Wurf" sein wird. „Es ist ein guter Baustein, um das Altersvorsorgesystem etwas besser zu machen", so Stotz – aber wie viel es wirklich bringe, werde sich „erst mit der Reform des Rentensystems herausstellen". Die Zukunftsfähigkeit der Altersvorsorge entscheide sich nicht an einem einzelnen Instrument, sondern an der Fähigkeit, ein ausgewogenes, verlässliches und gerechtes Gesamtsystem zu schaffen.

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