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Aktienmarkt und US-Wirtschaft: Warum beide auseinanderdriften

Der S&P 500 legte fast 10% zu, doch das US-Wirtschaftswachstum verlangsamt sich – Künstliche Intelligenz ist der Hauptgrund.

Aktienmarkt und US-Wirtschaft: Warum beide auseinanderdriften

Der US-Aktienmarkt erlebt eine bemerkenswerte Rallye: Der S&P 500 stieg in der ersten Jahreshälfte 2026 um fast 10%, der Dow Jones Industrial Average kletterte im gleichen Zeitraum um knapp 9% – seine beste Halbjahresperformance seit 2021. Diese Gewinne folgen auf eine außergewöhnliche Erfolgsserie: Der S&P 500 legte 2023 um 24%, 2024 um 23% und 2025 um 16% zu – die zweitbeste dreijährige Gewinnsträhne seit dem Jahr 2000.

Doch während die Börse boomt, zeichnet die Realwirtschaft ein anderes Bild. Das reale US-Bruttoinlandsprodukt – die Wirtschaftsleistung nach Abzug der Inflation – hat sich laut Ökonomen von rund 3,3% im Jahr 2023 auf etwa 1,9% im bisherigen Verlauf des Jahres 2026 verlangsamt. Mark Zandi, Chefökonom bei Moody's, bezeichnet dieses Wachstumstempo von rund 2% als „schwach". Vertreter der US-Notenbank Federal Reserve schätzten im Juni, dass die Wirtschaft 2026 mit einer Rate von 2,2% wachsen würde.

KI treibt die Börse, nicht die Breite der Wirtschaft

Ökonomen sehen Künstliche Intelligenz als Hauptursache für diese Divergenz. Die Aktien von KI-Unternehmen seien „steil nach oben" gegangen und hätten den breiteren Aktienmarkt gestützt, so Zandi. Der Technologiesektor macht bereits rund 35% des Aktienmarktes aus. Rechnet man eine erweiterte Technologiegruppe hinzu – darunter Alphabet, Amazon, Meta und Tesla, die zwar als Konsumgüterwerte klassifiziert sind, aber wie Big Tech gehandelt werden – steigt dieser Anteil auf rund 50%.

Besonders deutlich wird die KI-Dominanz beim Blick auf das Gewinnwachstum: Hyperscaler wie Microsoft, Amazon und Oracle sowie Halbleiterunternehmen wie Intel, TSMC und Samsung machen fast zwei Drittel des gesamten Gewinnwachstums im S&P 500 seit Ende 2022 aus – kurz nachdem OpenAI seine kostenlose Version von ChatGPT der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte. Anleger sind dabei zukunftsorientiert: Aktien werden auf Basis erwarteter Unternehmensleistung gehandelt, und der Optimismus rund um das Gewinnpotenzial von KI-Unternehmen ist derzeit außerordentlich hoch.

In der Realwirtschaft hingegen spielt Technologie eine deutlich kleinere Rolle. Sie macht laut Ökonomen nur etwa 10% bis 15% der US-Wirtschaft aus. Das eigentliche Rückgrat der US-Wirtschaft sind die Konsumausgaben, die rund 70% des Bruttoinlandsprodukts ausmachen.

Arbeitsmarkt schwächelt, Konsumklima trübt sich ein

Neben dem verlangsamten Wachstum zeigt auch der Arbeitsmarkt Schwächezeichen. Die Erwerbsbeteiligung liegt – abgesehen von der Covid-19-Pandemie – nahe ihrem niedrigsten Stand seit rund 50 Jahren. Arbeitgeber stellen so langsam ein wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, und die Langzeitarbeitslosigkeit ist stetig gestiegen.

Hinzu kommt eine eingetrübte Verbraucherstimmung: Das Konsumklima stürzte im Mai laut den Surveys of Consumers der University of Michigan aufgrund von Inflationsängsten auf ein Rekordtief. Im Juni erholte es sich zwar etwas, bleibt aber laut dem Bericht „ungünstig".

Ein weiteres Strukturproblem betrifft die Verteilung der Konsumausgaben. Haushalte in den oberen 20% – also jene mit einem Einkommen von etwa 200.000 US-Dollar oder mehr – machen inzwischen fast 60% der persönlichen Ausgaben aus, verglichen mit rund der Hälfte in den frühen 1990er-Jahren. Diese Konzentration auf einkommensstarke Haushalte birgt Risiken: Sollte sich deren finanzielle Lage verschlechtern, könnte dies die gesamte Wirtschaft nach unten ziehen, warnen Ökonomen.

Für Privatanleger ist die Botschaft klar: Aktienmarkt und Wirtschaft bewegen sich zwar grundsätzlich gemeinsam, können aber – wie derzeit – erheblich voneinander abweichen. Wer die Börsenkurse als direkten Spiegel der wirtschaftlichen Lage interpretiert, kann zu falschen Schlüssen gelangen.

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