20 Jahre Trendumkehr: Stromimporte steigen
Die veränderte Rolle Deutschlands: Von der einstigen Energieexportnation zu einem zentralen Stromimporteur Europas

2023 erlebt Deutschland eine bedeutende Wendung in seiner Energiewirtschaft. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten importiert die Bundesrepublik mehr Strom als sie exportiert. In den ersten drei Quartalen des Jahres hat Deutschland nach Angaben der Bundesnetzagentur 12,8 Terawattstunden mehr Strom importiert als exportiert. Zum Vergleich: Vor der Coronapandemie erzielte Deutschland mit seinem Strom teils Exportüberschüsse von über 50 Terawattstunden jährlich und war seit 2003 durchgängig ein Nettoexporteur von Elektrizität.
Diese Trendumkehr lässt sich vor allem durch Preisentwicklungen erklären. Der europäische Strommarkt ist über eine sogenannte Marktkopplung miteinander verbunden, die das günstigste Stromangebot der aktuellen Nachfrage zuweist. Bruno Burger, ein Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut, betont, dass jedes Land genau so viel Strom produziert, wie es der zugrundeliegende Algorithmus berechnet. Die Zeiten, in denen Deutschland seine Nachbarn mit billigem Kohlestrom überschwemmte, sind vorbei. Kohlestrom hat durch höhere CO2-Preise an Wettbewerbsfähigkeit verloren und zusätzlich sind Steinkohleimporte aufgrund des Krieges in der Ukraine teurer geworden.
Die entscheidende Frage jedoch ist: Aus welchen Ländern stammt der meiste importierte Strom? Und handelt es sich dabei primär um Atomenergie oder erneuerbare Energien? Während viele nach dem Atomausstieg im April vermuteten, Deutschland würde nun vermehrt französischen Atomstrom importieren, zeigen die Daten des Thinktanks Agora Energiewende, dass Deutschland tatsächlich mehr Strom nach Frankreich exportiert als umgekehrt. Stattdessen stammt der Großteil des importierten Stroms aus den skandinavischen Ländern, insbesondere aus Dänemark, Norwegen und Schweden, wo Wasserkraft und Windenergie dominieren.
Zur Energiequelle des importierten Stroms bietet eine Auswertung von Agora Energiewende eine klare Übersicht: 12,6 Terawattstunden kamen aus Atomkraft, 11,2 Terawattstunden aus Wasserkraft und 6,9 Terawattstunden aus Onshore-Windenergie. Aber ein wichtiges Detail sollte nicht übersehen werden: Wenn man alle erneuerbaren Energien zusammenzählt, stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte des importierten Stroms aus regenerativen Quellen stammt, während weniger als ein Viertel aus Atomkraftwerken kommt.
Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen ist der Stromhandel mit Polen. Durch unzureichende Verbindungen zwischen Nord- und Süddeutschland wird ein Teil des deutschen Windstroms über Polen und Tschechien nach Bayern umgeleitet. Fabian Huneke weist darauf hin, dass andere Länder für Deutschlands verspäteten Netzausbau bezahlen müssen. Polen und Tschechien haben Maßnahmen getroffen, um die Übertragungskapazitäten zu begrenzen, da sie die Übertragungslasten des deutschen Stroms spüren.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseAbschließend zeigt eine Analyse der monatlichen Importe, dass Deutschland, entgegen der landläufigen Meinung, nicht hauptsächlich Atomstrom aus dem Ausland importiert hat, insbesondere nach dem Atomausstieg. Es wird erwartet, dass der Anteil erneuerbarer Energien an den deutschen Stromimporten im kommenden Winter leicht abnehmen wird, aber dass Deutschland dieses Jahr ein Nettostromimporteur wird, steht außer Frage.


